Der Park Sarjadje befindet sich gleich neben dem Kreml, dem Roten Platz und der Basilius-Kathedrale. Der etwa 13 Hektar große Landschaftspark wurde von einem US-Amerikanischen Architektenböre entworfen und an die Stelle des ehemals größten Hotels Europas "Rossija" erst Ende 2017 eröffnet.

Eindrücke aus Moskau/Russland

Moskau hat sich tatsächlich beeindruckend verändert. Sogleich auffallend ist der neue Park „Sarjadje“ (oben auf dem Titelbild). Noch vor kurzem verunstaltete das graue, ehemals größte Hotel Europas „Rossija“ die Moskwa-Promenade neben dem Kreml, dem Roten Platz und der Basilius-Kathedrale.

Jetzt befindet sich hier auf etwa 13 Hektar ein moderner Landschaftspark, der von einem US-amerikanischen Architektenbüro entworfen wurde. Erst im September 2017 wurde „Sarjadje“ von Wladimir Putin und Sergej Sobjanin eröffnet. Selbstverständlich war die Entscheidung für die Grünanlage mitten in der Hauptstadt auf dem wohl teuersten Baugrund Moskaus keineswegs. Erste Pläne sahen eine Renovierung von „Rossija“ oder ein neues gigantisches Parlamentsgebäude vor.  

Der nicht mehr so geheime Geheimtipp: 
Wer gut und günstig direkt im sonst sehr teueren

Kaufhaus GUM am Roten Platz
gleich neben dem Kreml essen möchte, sollte bei der

"Stalowaja 57"
im dritten Stock vorbeischauen.

Diesen ersten positiven Eindruck werden viele haben. Besonders die, die noch nie oder in den vergangenen fünf Jahren nicht mehr in der russischen Hauptstadt gewesen sind. Mehr noch. Dieser Eindruck wird sich sogar verfestigen und betrifft bei weitem nicht nur „Sarjadje“. Die Straßen wurden gepflastert, Bäume angepflanzt und auch der von den Scorpions besungene Gorki-Park wurde beachtlich modernisiert. Es gibt Radwege und Radverleihstationen. Insgesamt wurde die Infrastruktur samt Fahrzeugen erneuert. 

Die berühmte Moskauer Metro ist ebenfalls auffallend ausgebaut worden. Innerhalb des Radius des Metrorings (braune Linie, Nummer 5) wurde die Stadt besonders herausgeputzt. Entsprechend wirkt Moskau vor allem innerhalb dieses Kerns sehr aufgeräumt. Vielleicht sogar zu aufgeräumt. 

Eine nicht mehr ganz neue Wandverzierung an der Metro WDNCh (orange Linie Nummer 6). 

Man könnte behaupten Moskau sei optisch europäischer geworden. So kann der (westeuropäische) Tourist sich ab jetzt nicht nur in Sankt Petersburg, sondern auch in Moskau seine „Osteuropa light experience“ abholen. Innerhalb des Metrorings sind die Metrostationen inzwischen sogar mit lateinischen Buchstaben auf Englisch transliteriert und es gibt Durchsagen in englischer Sprache in den Metrozügen. Allerdings nur solange man sich nicht zu weit außerhalb des Radius des neueröffneten Eisenbahnrings (MCK) bewegt. Schließlich entwickelt sich Moskau scheinbar konzentrisch. Ring für Ring. Ausgehend von der Kremlmauer, über den Metroring bis zum Eisenbahnring. Diese drei werden dann vom Moskauer Autobahnring umarmt.

Investitionen wie das beschriebene optische Aufpolieren des erweiterten Stadtkerns verlassen Moskau kaum. Und wenn dann nicht selten als Schwarzgeld vorzugsweise ins westliche Ausland.

Blick auf Moskau-City vom Ausgang der Metrostation „Fili“der hellblauen Linie Nummer 4.
„Fili“ liegt nur eine Haltestelle hinter dem Moskauer zentralen Eisenbahnring (MCK) und drei Haltestellen hinter dem Metroring (braune Linie Nummer 5).

Während beispielsweise in der ältesten Universitätsstadt Sibiriens Tomsk eine Wasserpumpe feierlich eröffnet wird (darüber wurde sogar in der Nachrichtensendung „Westi“ berichtet) oder selbst vor den Toren Moskaus in der Oblast Twer die Bereitstellung von Mülltonnen ebenso einer kleinen „Eröffnungszeremonie“ bedurfte, konzentriert sich der Reichtum des riesigen Landes immer weiter in den Händen von sehr Wenigen.

Dieser Trend wird von verschiedenen Organisationen weltweit beobachtet, doch in Russland sind die Werte besonders dramatisch. So bescheinigen der Verbund von Hilfsorganisationen Oxfam oder Finanzanalysten wie Credit Suisse Russland am wenigsten gegen Ungleichheit zu unternehmen, während die reichsten 10% der Russen fast 90% des gesamten Vermögens des Landes besitzen.

Bei allen positiven optischen Veränderungen in Moskau sind die politischen Verhältnisse in Russland eher von einem umgekehrten „Wind of Change“ geprägt. In der Politikwissenschaft spricht man von „Shrinking Spaces“. Von zunehmend schwindender Freiheit der Zivilgesellschaft und der Medien.

Der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag zwischen der Wlast (Staatsmacht & Obrigkeit) und dem Narod (Volk), letztlich zwischen dem Kreml und dem Rest: „Ihr mischt euch nicht in Politik ein und dürft mehr oder weniger die positiven Seiten der Markwirtschaft genießen“ löst sich entsprechend zunehmend auf. 

Boris-Nemzow-Brücke in Moskau.
Am 27. Februar 2015 wurde der ehemalige russische Vizeregierungschef und spätere Oppositionelle Boris Nemzow an dieser Stelle ermordet.

Die ohnehin kleine Mittelschicht in Moskau, Sankt Petersburg und weiteren Großstädten hatte die skrupel- und maßlose Korruption satt und formierte Protest. Dieser wurde brutal niedergeschlagen und mündete in den „Bolotnaja-Prozessen“, benannt nach dem Bolotnaja-Platz, wo die Hauptproteste gegen Wahlfälschung und Korruption 2011/12 stattgefunden haben.

„Nach den Protesten im Winter 2011/12 sollte sich der Hipster in Moskau wieder wohlfühlen“, kommentierte ein Moskauer Freund die optischen Veränderungen heute. Frei nach dem Motto „Wenn man schon nicht mitbestimmen darf wie im Westen, sollte es doch wenigstens so aussehen wie im Westen“. Und er fügte hinzu:

„Dieser Effekt wird nicht langfristig sein“.

Eine russische Kollegin von einer renommierten Moskauer Universität äußerte starke Bedenken im Zusammenhang mit der Entwicklung Russlands, aber auch Moskaus. Sie sei eine „echte Moskauerin“ (dazu wird man, wenn man mindestens in der dritten Generation in Moskau lebt, wie sie mir auf Nachfrage erklärte) und habe Angst wie ultra schnell die Stadt wächst und wie viele aus Russland und dem gesamten postsowjetischen Raum in diese Stadt strömten. Während Moskau aus allen Nähten platzt, verlieren andere Städte und Regionen ihre hellsten und fähigsten Köpfe. Die zunehmend autoritäre Politik des Kremls und die „Shrinking Spaces“ beschreibt sie nur halb im Scherz mit folgendem in Russland nicht seltenen Vergleich:

„Wir sind schon fast nördlicher als Korea“

Optische Veränderungen sowie die lange verschleppten und durch die grassierende Korruption viel zu kostspieligen Investitionen in Moskau, punktuell auch in weitere Großstädte und situative Großprojekte, bleiben folglich nur Kosmetik. Denn diejenigen, die in Moskau keine Perspektive haben oder der politischen Enge des Regimes entfliehen möchten, verlassen Russland. Richtung politischer und wirtschaftlicher Stabilität. Beides ist nach wie vor im Westen am ehesten realisiert.

Der Braindrain, die Talentabwanderung aus Russland, wird auch nicht aufhören. Und zwar solange bis sich die Kremlstrategen von ihren Kriegsabenteuern verabschieden und in das Wohlergehen der eigenen Bevölkerung zu investieren beginnen.

Der geplante Bau eines gigantischen neuen Parlamentsgebäudes wird erst dann mehr als eine weitere Dekoration im Stadtbild sein, wenn die Duma zu einem echten Parlament umfunktioniert wird, in dem tatsächlich diskutiert wird und politische Kämpfe real ausgetragen werden. In diesem Sinne bleibt die Diskussion über die Renovierung von „Rossija“ noch lange ganz schön aktuell.

Kli­schee und nicht ganz so geheimer Geheimtipp:
Meerrettich Wodka mit frischen Gurken als Sakuska
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Eindrücke aus Kasachstan/Almaty

Umgeben vom Tienschan liegt die ehemalige Hauptstadt der einstigen Sowjetrepublik Kasachstan. Seit 1993 heißt die Stadt Almaty, zuvor hieß sie Alma-Ata, was zu Deutsch etwa „Vater des Apfels“ bedeutet. Hier wurden einst die berühmten Aport-Äpfel angebaut und noch heute ist der Apfel als Symbol der Stadt allgegenwärtig. Dass in dieser ehemaligen zaristischen Garnisonstadt am 21. Dezember 1991 die sogenannte Alma-Ata-Erklärung – das endgültige Aus des sozialistischen Imperiums – unterzeichnet wurde, hätte zuvor wohl kaum jemand vermutet. Heute wurde diese Tatsache fast gänzlich vergessen sowie das Land selbst auch kaum Beachtung erfährt. Mehr als die Assoziation mit der Komödie Borat (Sacha Baron Cohen), die letztlich eine Parodie auf die US-amerikanische Gesellschaft ist, ist häufig nicht drin. Zwar ist Kasachstan in der deutschen Öffentlichkeit kaum ein Begriff oder Thema, doch wird das zentralasiatische Land von Beobachtern als der Tigerstaat der Region beschrieben. Die reichhaltigen Rohstoffvorkommen erlauben eine relative wirtschaftliche Stabilität und regionalen Handlungsspielraum.

Der Apfel als Symbol der Stadt.

Der Apfel als Symbol der Stadt ist allgegenwärtig.

Als ein Nachfolgestaat der Sowjetunion ist Kasachstan heute noch stark durch die sieben Jahrzehnte Sowjetdiktatur geprägt. Dies zeigt sich nicht zuletzt durch den Präsidenten Nursultan Nasarbajew selbst. Nasarbajew ist noch in der UdSSR unter Michail Gorbatschow eingesetzt worden und regiert seitdem ununterbrochen das Land. Kasachstan war die letzte der 15 Sowjetrepubliken, die sich am 16. Dezember 1991 für unabhängig erklärt hatte. Insgesamt verläuft die Loslösung vom russischen Einfluß durchaus bedacht und nur schrittweise. Kooperation, wo es als nötig befunden wird, bei sonstiger Betonung der Souveränität. Man versucht die verschiedenen Interessen der Großmächte wie China, Russland, USA, aber auch der Türkei oder der EU geschickt für sein eigenes Wohl auszuspielen. Nicht zuletzt lebt im Norden des Landes sowie in den Großstädten eine beachtliche russische Minderheit. Russisch ist nach wie vor Lingua franca, auch wenn der kasachische Staat verstärkt auf Kasachisch als Verwaltungs- und Mediensprache setzt. Auch soll das kyrillische Alphabet bis 2025 auf das lateinische umgestellt werden. Historisch spielt das Land aus bundesdeutscher Perspektive vor allem auch als Verbannungsort hunderttausender sogenannter Russlanddeutscher eine wichtige Rolle. Entsprechend entstamm ein Großteil der russlanddeutschen (Spät-) Aussiedler aus den Regionen in der heutigen Republik Kasachstan.

Eislaufbahn Medeo

Eislaufbahn Medeo

1997 wurde die Hauptstadt in den Norden des Landes verlegt. Der ehemalige kleine Umschlagbahnhof Zelinograd wurde zur modernen Metropole Astana. Dennoch ist Almaty weiterhin das kulturelle Zentrum des Landes. Nicht zuletzt auch daran zu erkennen, dass viele der neuen Hauptstädter ihre Wochenenden lieber in Almaty verbringen. Und wer könnte es ihnen verübeln: Trotz der recht starken Luftverschmutzung durch die Autoabgase, steht Almaty in Lebensqualität europäischen Städten in Nichts nach. Zahlreiche Cafés und Bars, die vielen Museen und kulturellen Einrichtungen bieten reichlich Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Die Umgebung der Stadt bietet weitere phantastische Möglichkeiten, darunter Skifahren auf dem Schymbulak, Eislaufen auf der olympischen Eislaufbahn Medeo (190 Weltrekorde wurden hier aufgestellt), der Scharyn Canyon sowie die Kolsay-Seen im Grenzgebiet zu China und Kirgistan, oder Höhlenmalereien von Tamgaly (Weltkulturerbe-Stätten der UNESCO).

Scharyn Canyon

Scharyn Canyon

Doch darf das alles, sowie die schicken Neubauten und die schmale Mittelschicht in den Metropolzentren, nicht den Blick auf die Menschenrechtslage, die Korruption (Platz 131, Korruptionsindex 2016) und die Realitäten eines postsowjetischen-autoritären Systems insgesamt, trüben.

Mehr in meinem Interview mit der Deutschen Allgemeinen Zeitung (DAZ), der Zeitung der deutschen Minderheit Kasachstans, die in Almaty herausgegeben wird.

DAZ Russlanddeutsche

Ebenfalls ist in der DAZ meine Analyse des Wahlverhaltens der „Russlanddeutschen“ zu finden. 

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Wahlverhalten Russlanddeutsche BTW2017 Studie der Uni Duisburg-Essen

CDU 27%
Linke 21%
AfD 15%
SPD 12%
FDP 12%
Grüne 8% 

Ich habe diesen ausschließlichen AfD-Fokus in Bezug auf russlanddeutsche (Spät-) Aussiedler von Anbeginn als unsachlich und unpräzise kritisiert. Die Präferenz für die Linke ist teils durch sozioökonomische Faktoren, teils durch die Sozialisierung in der SU erklärbar. Ähnliches gilt auch für die AfD, nur mit etwas anderer ebenfalls gruppenspezifischer Ausprägung. Dass Journalisten und Wissenschaftler sich überwiegend nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben, aber sich dennoch trauten starke Diffamierung zu betreiben, schadet letztlich nur unserer Gesellschaft insgesamt. Die wiederholte begriffliche Unschärfe („Deutschrussen“, anstelle von „Russlanddeutsche“, „Deutsche aus Russland“) und falsch verwendete Zahlen sind nur zwei Beispiele der fehlenden Beschäftigung mit dem Thema. Dabei recherchierte der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags bereits 2016: „Von 1950 bis 2014 wurden insgesamt 4.517.052 (Spät-) Aussiedler und deren Angehörige in der Bundesrepublik aufgenommen. 2.369.506 Personen kamen dabei aus der ehemaligen UdSSR.“ Wir sollten reflektierter mit Menschen und Problemen umgehen. Insgesamt findet jedoch eine allmähliche Normalisierung der Berichterstattung in Bezug auf die sogenannten Russlanddeutschen statt. WahlverhaltenRusslanddeutscheRieferDie „erste deutsche Wahlstudie unter deutschen Staatsbürger/innen mit Migrationshintergrund“ wurde von Prof. Dr. Achim Goerres (Universität Duisburg-Essen) und PD. Dr. Dennis Spies (Universität zu Köln) sowie Dr. Sabrina J. Mayer (Universität Duisburg-Essen) durchgeführt.

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