Russlanddeutsche Diskurs

Thesen gegen Panik und Pauschalisierung. Für Vertrauensarbeit und Aufklärung.

Felix Riefer hält einen Vortrag auf der kulturhistorischen Tagung des Internationalen Verbandes der Deutschen Kultur (IVDK) zu „Russlanddeutsche als Teil der Bundesdeutschen Gesellschaft“, Detmold Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte am 12.10.2019.

Mit der sogenannten Ukraine-Krise 2014 und der Migrationskrise 2015 rückten die Russlanddeutschen in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Seit den pauschalisierenden Delinquenz- und Kriminalitätsberichten der 1990er und frühen Nullerjahren war es bis dato ruhig geworden. Während diesem kurzweiligen Intermezzo galten die Russlanddeutschen als „auffällig unauffällig“.

So beschrieb der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen noch 2013 die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler, wie die Deutschen aus Russland und ihre Familienangehörigen im Behördendeutsch heißen, ein „geräuschloses Einleben“. Christoph Bergner konstatierte das in dem Vorwort für den Forschungsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Auf „gute Integrationswerte“ entgegen der öffentlichen Wahrnehmung verwies auch die Studie „Ungenutzte Potenziale“ vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Doch eine Aufarbeitung und Aufklärung der Berichterstattung und der Berichterstatter blieb aus. Die vermeidliche Kritik, die eine tatsächliche Pauschalisierung war, blieb unverarbeitet zurück.

Folglich behielten die Mehrheitsbevölkerung sowie die Redaktionen zahlreicher Medien ihr auf Vorurteilen und Klischees basierendes Bild der Russlanddeutschen; ohne tatsächlich über die reale historische und rechtliche Situation der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler, ihrer Migration und Integration, aufgeklärt worden zu sein.

Vereinfacht betrachtet betonten die konservativen politischen Kräfte den ethnisch-nationalen Charakter dieser Volksgruppe und übersahen (oder überhöhten) nicht selten das vom Sowjetstaat systematisch unterdrückte sprachlich-kulturelle Erbe der Russlanddeutschen. Die spätere sowjetische Vereinnahmung der Deutschen über das was noch vom sprachlich-kulturellen Erbe übrig blieb als auch die schrittweise einsetzende ethnische Vermischung der Deutschen im sowjetisch-russischen Vielvölkerimperium und die daraus resultierenden Auswirkungen für die Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft wurden nicht selten außen vor gelassen.

Die linken Kräfte hingegen, wollten das Deutschsein der Volksgruppe, als auch die in der Ethnie begründeten Repressionen und Deportationen – Kriegsfolgenschicksal – sowie die staatlich-systematischen und alltags kulturellen Benachteiligungen der Deutschen im Sowjetsystem nicht wahrhaben. Zum Teil hadern bis heute viele Linke mit der ethnischen Komponente beim Zerfall des sozialistischen Vielvölkerimperiums, aber auch mit der Bewertung des sozialistischen Unrechtsstaates und der ökonomischen sowie ökologischen Ineffizienz des Systems in ihrer Betrachtung des postsowjetischen Raums. Sowie die Projektion dieser Vorstellungen auf die Russlanddeutschen.

Gleichzeitig bleibt auch wahr, dass viele russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler selbst nicht ihrer eigenen Geschichte als Volksgruppe aber auch der undogmatischen Geschichte der Sowjetunion vollständig bewußt sind. Nicht zuletzt eben aufgrund der sowjetischen Politik der massiven (nicht nur) kulturellen Enteignung und späteren Vereinnahmungsversuchen durch das sowjetische Regime bis hin zur punktuell ermöglichten Integration in dieses.

Diese drei vereinfachten Narrative sollen einen vereinfachten Überblick der problematischen Perspektiven geben und nicht die Personen aus dem entsprechenden politischen Spektrum, die sich der differenzierten Auseinandersetzung bemühen bzw. die Russlanddeutschen, die ihr kulturelles Erbe bewahren konnten, übersehen. Der überwiegende Großteil der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler hätte sich nicht ohne Rückhalt aus der Politik und Gesellschaft geräuschlos einleben können oder Vereine zur Pflege ihrer Geschichte organisieren können.

Logo des Museums für Russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold.

Schließlich trat für Migrationsfragen nicht unbedeutend im Jahr 2000 das neue Staatsangehörigkeitsrecht in Kraft. Neben dem Abstammungsprinzip (ius sanguinis) wurde das Geburtsortprinzip (ius soli) eingeführt. Ab 2005 sind die Einbürgerungsvorschriften nicht mehr im Ausländergesetzt sondern im Staatsangehörigkeitsgesetz zusammengefasst.

Diese Änderungen symbolisieren durch konkretes Recht eine neue wohltuend offene Mentalität des deutschen Staates in Migrationsfragen. Gleichzeitig wurde jedoch das Recht der (Spät-)Aussiedler auf Anspruchseinbürgerung, die letztlich nicht durch die Abstammung sondern durch das Kriegsfolgenschlicksal begründet wurde, mitabgeschafft. Für viele Russlanddeutsche eine herbe Kränkung.

Hinzukommt, dass die Russland- und Osteuropakompetenz in Deutschland nach dem Zusammenbruch des Ostblocks insgesamt stark abgebaut wurde. Lehrstühle wurden nicht mehr besetzt, Institutionen geschlossen, führende Medien machten ihre Büros in Moskau dicht. Dass das eine Fahrlässigkeit war wurde spätesten mit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland und dem vom Kreml geschürten Krieg in der Ostukraine offensichtlich.

Dieser Cocktail an parallel verlaufenden und in vielen Teilen nicht verarbeiteten Entwicklungen kumulierte in den Jahren 2014 und 2015 dann schließlich in eine beispiellose mediale Hexenjagd auf die Gesamtheit der Russlanddeutschen.

Die Instrumentalisierungsversuche des Kremls sowie der Rechtspopulisten bis hin zu Rechtsextremisten wurden nicht selten nahezu vollständig unreflektiert von Seiten der Medien übernommen und skandalisiert. Dadurch verhalfen die Medien selbst den sehr zweifelhaften Interessen aus dem Aus- und Inland zur größerer Verbreitung. Und trugen somit selbst zur stärkeren Irritationen in der bundesdeutschen Gesellschaft während der beiden Krisen 2014/2015 und eben nicht primär zu dessen Aufklärung bei.

Erst nach der Bundestagswahl 2017 und der Veröffentlichung der ersten Migrantenwahlstudie der Universität Duisburg-Essen und der Universität zu Köln kam es zu einer allmählich einsetzenden Ernüchterung in Bezug auf die Russlanddeutschen; ohne sich jedoch einer Sichtbaren Reflexion oder Aufarbeitung der medial inzwischen festgesetzten Frames, des Stigmata eines „Putin-gesteuerten Nazi-Migranten“, welcher der Prototyp eines Russlanddeutschen sein solle. Eine dringende Richtigstellung bleibt bis heute aus.

Die Migrantenwahlstudie widerlegt zwar das gängige AfD-Narrativ, denn Russlanddeutsche wählen demnach diese Partei nur geringfügig häufiger als der Bundesdurchschnitt, gleichzeitig legte sich aber auch Defizite in der politischen Bildung offen. Schließlich lag beispielsweise die Wahlbeteiligung der Russlanddeutschen mit 15 bis 20 Prozent unter dem Bundesdeutschendurchschnitt ohne Migrationshintergrund. Insgesamt sind noch viele Bürgerschafskompetenzen innerhalb der Gesamtheit der Gruppe der Russlanddeutschen ausbaufähig.

Gleichzeitig ist durch die in der Vergangenheit starken Verfehlungen in Bezug auf diesen Teil der bundesdeutschen Gesellschaft, auch wenn diese nicht mit denen in der sozialistischen Diktatur vergleichbar sind, noch viel Vertrauensarbeit zu leisten. Somit muss die Aufklärungsarbeit in alle Richtungen der Gesellschaft gehen; damit sie auch gelingen kann und sich in einer positiven und Gemeinwohl-orientierten Weise fortsetzen kann.

Nicht zuletzt kommt dabei erschwerend für die bundesdeutsche Demokratie hinzu, dass dies alles unter den Bedingungen der parallel weiterhin praktizierten Vereinnahmungsversuchen von Seiten des Kremls, der Rechtspopulisten und Rechtsextremisten sowie einer nicht seltenen Ignoranz den Russlanddeutschen gegenüber in politisch linksorientierten Kreisen geschehen muss.

Die Bildrechte in diesem Beitrag liegen bei © Felix Riefer samisdatblog.org

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