Advocatus Diaboli – Anwalt des Teufels

Reaktionen zu den Thesen zum Russlanddeutsche Diskurs

Skulptur des Teufels auf dem Hexentanzplatz in Thale © Jed CC BY-SA 3.0 de. Die Rolle eines Advocatus Diaboli wird für Entscheidungsprozesse eingeplant, um Gruppendenken (Groupthink) zu vermeiden.

Der Vorwurf einer Selbstviktimisierung der Russlanddeutschen wird immer dann herausgeholt, wenn keine Argumente mehr vorhanden sind. Er ist so alt wie er falsch ist. Und gehört letztlich – bewußt oder unbewußt – in die Methodenkiste der Ablenkung: er ist schlicht ein Whataboutism.

Aber auch sonst ist es natürlich bequemer sich nicht mit den eigentlich aufgeführten Problemen zu beschäftigen. Noch bequemer ist das alles, wenn man an dessen Entstehung nicht selten selbst beteiligt war. Sei es auch nur durch die eigene Ignoranz.

Beim Whataboutism möchte man durch Zerstreuung vom eigentlichen Inhalt ablenken. Dazu gehören die Suche nach Tippern, die Äußerung des Verdachts auf geistige Nähe beispielsweise zum Rechtspopulismus oder eben die Verschiebung der Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema.

Alles dies war in den Reaktionen auf die Thesen zum Russlanddeutsche Diskurs zu beobachten.

Besonders auffällig war die Fokussierung auf den von mir verwendeten Begriff der Hexenjagd. An dieser stelle mache ich den Kritikern folgenden Vorschlag: Wie würden Sie denn den Sachverhalt beschreiben? Vielleicht gibt es tatsächlich eine treffendere Formulierung. Also wie würden Sie die nächsten zwei Absätze akkurat, kurz und prägnant beschreiben?

Eine Bevölkerungsgruppe wird in den Medien über einen längeren Zeitraum wiederholt pauschalisierenden Gleichsetzungen mit zweifelhaften Phänomenen wie etwa dem Rechtsextremismus, doch mindesten mit dem Rechtspopulismus, ausgesetzt. Eine, wie sonst üblich, kritische Reflexion der Vorwürfe bliebt damals (und bleibt bis heute) fast vollständig aus.

Hinzukommt, dass selbst als diese faktische Externalisierung des Rechtspopulismus in der bundesdeutschen Gesellschaft auf die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler wissenschaftlich widerlegt wurde, gab es jenseits kleinerer Erwähnungen der Migratenwahlstudie, keine Richtigstellung. Immerhin es wurde wieder still um diese Russlanddeutschen.

Ferner hatte ich dieses Phänomen in verschiedenen Diskussionen mit dem in der Politikwissenschaft verwendeten Begriff des Gruppendenken (Groupthink) beschrieben. Wikipedia umschreibt den Begriff so:

Gruppendenken ist ein Prozess, bei dem eine Gruppe von an sich kompetenten Personen schlechtere oder realitätsfernere Entscheidungen als möglich trifft, weil jede beteiligte Person ihre eigene Meinung an die erwartete Gruppenmeinung anpasst. Daraus können Situationen entstehen, bei denen die Gruppe Handlungen oder Kompromissen zustimmt, die jedes einzelne Gruppenmitglied unter anderen Umständen ablehnen würde.

So oder so: es wird Zeit, dass sich die Verantwortlichen einer Reflexion annehmen. In einer Zeit von FakeNews dürfen komplexe Zusammenhänge nicht mit Pauschalisierungen beantwortet werden. Schließlich ergibt sich sogleich die Folgefrage, die ich mir stelle: Wie genau soll die russische Vereinnahmung eigentlich bei der Zielgruppe der Russlanddeutschen vermittelt werden, wenn wir es nicht schaffen über diese Russlanddeutschen akkurat zu informieren?

Ich jedenfalls behalte mir die Hoffnung, dass diese leichte Disruption der bis heute überwiegend unreflektierten Wahrnehmung in Bezug auf die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler zum Nachdenken anregt. Und vielleicht schaffen wir es sogar noch vor der nächsten Krise etwas Aufklärung und Vertrauensarbeit zu leisten.

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