Von der Wolga an den Rhein

Ist es ma­ka­ber vom Kriegsfolgenschicksal zu schreiben und dabei mit Karnevalskamellen anzufangen? Jedenfalls beginnt meine erste eigene Erinnerung an meinen Ur-Großvater, Friedrich Faust, so: Ich war noch sehr jung und er bereits zu alt, um viel mehr zu tun als in seinem Sessel zu sitzen. Dabei aß er gerne aus einer neben ihm stehenden Schale Süßigkeiten. Diese füllten wir Ur-Enkel mit Lakritz, welches wir an Karneval gefangen hatten. Besonders nobel oder fürsorglich war es von uns Kindern allerdings nicht wirklich, denn wir mochten Lakritz eigentlich gar nicht und waren froh diese losgeworden zu sein.

Meinen Ur-Großvater, Christian Riefer, habe ich noch weniger gekannt. Er war kurz vor der Übersiedlung Anfang der 1990er Jahre verstorben. Aus verschiedenen Ecken der untergegangen Sowjetunion kommend wurde unsere Familie unterschiedlichen Ecken des nun wiedervereinigten Deutschland zugeteilt. Das Verteilungssystem hieß Königsteiner Schlüssel und wir wurden als russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler bezeichnet. Einige kamen über die berühmte Erstaufnahmeeinrichtung für Vertriebene und Flüchtlinge Friedland. Für die meisten unserer Familie war aber das „Tor zur Freiheit“ die Landesstelle in Unna-Massen.

Meine Mutter kam mit uns drei Kindern etwas später als Familiennachzug zu unserem Vater, der inzwischen in Bonn lebte. Hier lernten wir neben der deutschen Sprache nicht zuletzt auch den rheinischen Karneval und Kamellen lieben – bis auf die Lakritze natürlich, die schon bald niemanden mehr hatten, der sie aus der Schale nehmen würde. Und trotz aller Widrigkeiten und Schwierigkeiten hätte es die beiden Ur-Großväter sicher sehr gefreut, dass es uns allen in der neuen alten Heimat letztendlich gut geht. Denn so verhältnismäßig sorglos wie unser Aufwachsen im Rheinland, war das Leben der beiden Männer im „sozialistischen Paradies“ indessen nie.

Zwangsarbeiter im Gulag

Beide wurden als Teil der deutschen Minderheit der Sowjetunion Anfang 1942 zur Zwangsarbeit in das Lager BasStroi nach Krasnoturinsk im Ural mobilisiert. In diesem vom Geheimdienst überwachten Zwangsarbeitslager mussten sie unter anderem am Bau des Bogoslowski-Aluminiumwerks schuften. Euphemistisch wurde dies von den Sowjets als „Arbeitsarmee“ (Trudarmija) bezeichnet. Der stalinistische Große Terror sah eine Reihe von politisch-ethnisch begründeten Säuberungsaktionen vor bei denen die Deutschen – aber auch z.B. Polen, Letten oder Tataren – eine zentrale Rolle spielten.

Diejenigen, die nicht ermordet worden sind, kamen in den Gulag und mussten Zwangsarbeit verrichten. Insgesamt waren meine Ur-Großväter jeweils fast 14 Jahre lang im Gulag. Zunächst als Trudarmisten und anschließend als „Sondersiedler“. Dieser Status war in vielerlei Hinsicht lediglich eine Umbenennung des vorherigen Zwangsarbeiterstatus.

Friedrich Faust wurde 1912 in Oberdorf (heute: Kupzowo) und Christian Riefer 1902 in Alexanderhöh (heute: Alexandrow) an den beiden gegenüberliegenden Ufern im deutschen Siedlungsgebiet an der Wolga in Südrussland geboren. Der eine auf der Bergseite, der andere auf der Wiesenseite des Flusses. Und obwohl sie später im selben Gulag inhaftiert waren, lernten sie sich erst auf der Hochzeit ihrer Kinder gegen Ende des Sondersiedlerregimes Mitte 1950 kennen.

Instrumentalisierung der Wolgadeutschen

Beide waren Nachfahren der deutschen Kolonisten, die ab dem 18. Jahrhundert auf Einladung von russischen Monarchen in das Zarenreich übersiedelten. Das erste Einladungsmanifest (Kolonistenbrief) wurde 1763 von Zarin Katharina II. und seine Neuauflage 1804 vom Zaren Alexander I. unterzeichnet. Unter den Kommunisten, die die Macht in Russland ab 1917 ergriffen, sollte in dem Gebiet der Wolgadeutschen Kolonisten bald die sogenannte Wolgadeutsche Republik gegründet werden. Dieses erste deutsche sozialistische Gemeinwesen bestand von 1918/24 bis 1941 als eine ethnoterritoriale Selbstverwaltung im Rahmen der Sowjetunion.

Die sozialistische Wolgadeutschenrepublik sollte dem Kommunismus in der Weimarer Republik den nötigen Anschub verleihen. Schließlich ging die kommunistische Ideologie davon aus, dass die Weltrevolution vom industrialisierten Deutschland und seinem Proletariat ausgehen würde. So sollten die wolgadeutschen Kolonisten zu Kommunisten gewendet werden. Folglich sollten diese ersten Deutschen mit einer eigenen „sozialistischen Republik“ ihren Landsleuten in der Weimarer Republik als Propagandabeispiel dienen. Doch zunächst mussten Genossen aus dem Deutschen Reich ihre Landsleute an der Wolga überhaupt erst zu Kommunisten machen. Der wohl berühmteste Propagandist des Sowjetregimes an der Wolga ist der spätere sozialdemokratische Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter.

Später kam es im Hitler-Stalin-Pakt zu einer Verbrüderung der sich eigentlich bekämpfenden Regime. Diese Freundschaft hielt bekanntlich bis zum Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion Stalins im Sommer 1941. Indessen Folge wurde die Wolgadeutsche Republik vom Sowjetregime liquidiert. Die eben erst zu Vorzeigekommunisten erkorenen Wolgadeutschen wurden haltlos der Kollaboration mit Hitler beschuldigt und am 28. August 1941 nach Sibirien und Zentralasien deportiert, wo sie anschließend in die Trudarmee zwangsmobilisiert wurden.

Archivbescheinigung des Innenministeriums der UdSSR, die die Deportation meines Urgroßvaters Friedrich Faust am 28. August 1941 aus der Wolgarepublik bestätigt.

Deportation und Mobilisierung

Unerwähnt bleibt in dieser Erzählung der Massenhunger der 1930er Jahre. Als Holodomor in der Ukraine bekannt nahm dieser auch in Südrussland zahlreichen Menschen das Leben. Während dieser Hungersnot, die durch die kommunistische Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und der Liquidierung wohlhabender Bauern – von der sozialistischen Propaganda abwertend Kulaken genannt – starben auch viele Angehörige meiner Familie.

Vor der Deportation war der letze Wohnort der überlebenden Fausts Mühlberg an der Wolga (später zu Schtscherbakowka umbenannt), bevor sie in das über 2000 Kilometer weit entfernte Sibirien deportiert worden sind: von Kamyschin aus in das Gebiet Tjumen in den Verwaltungsbezirk Sorokinskij. Die Riefers sind hingegen bereits 1909 im Rahmen der Stolypinschen Reformen freiwillig nach Nowo-Usenka in Nordkasachstan weitergezogen. Durch diese Bodenreform sollte in Russland eine bäuerliche Mittelschicht entstehen, doch es kam alles anders. Anstelle eigener großer Ländereien war die Familie 1932 gezwungen im nicht weit entfernten Dorf Friesenau einer Kolchose beizutreten.

Von diesen Orten aus werden die beiden Männer nach Krasnoturinsk in den Ural zwangsmobilisiert. Nach Jahren der Zwangsarbeit können sie – weiterhin inhaftiert unter dem Sondersiedlerstatus – ihre Familien in den Gulag nachholen. Ihres Eigentums beraubt und auch sprachlich wie kulturell enteignet, kommt es allmählich zu einer Normalisierung des Lebens in der sozialistischen Diktatur – bis zur ermöglichten Ausreise im Rahmen der Liberalisierung unter Michael Gorbatschow Mitte der 1980er Jahre.

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