Advocatus Diaboli – Anwalt des Teufels

Reaktionen zu den Thesen zum Russlanddeutsche Diskurs

Skulptur des Teufels auf dem Hexentanzplatz in Thale © Jed CC BY-SA 3.0 de. Die Rolle eines Advocatus Diaboli wird für Entscheidungsprozesse eingeplant, um Gruppendenken (Groupthink) zu vermeiden.

Der Vorwurf einer Selbstviktimisierung der Russlanddeutschen wird immer dann herausgeholt, wenn keine Argumente mehr vorhanden sind. Er ist so alt wie er falsch ist. Und gehört letztlich – bewußt oder unbewußt – in die Methodenkiste der Ablenkung: er ist schlicht ein Whataboutism.

Aber auch sonst ist es natürlich bequemer sich nicht mit den eigentlich aufgeführten Problemen zu beschäftigen. Noch bequemer ist das alles, wenn man an dessen Entstehung nicht selten selbst beteiligt war. Sei es auch nur durch die eigene Ignoranz.

Beim Whataboutism möchte man durch Zerstreuung vom eigentlichen Inhalt ablenken. Dazu gehören die Suche nach Tippern, die Äußerung des Verdachts auf geistige Nähe beispielsweise zum Rechtspopulismus oder eben die Verschiebung der Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema.

Alles dies war in den Reaktionen auf die Thesen zum Russlanddeutsche Diskurs zu beobachten.

Besonders auffällig war die Fokussierung auf den von mir verwendeten Begriff der Hexenjagd. An dieser stelle mache ich den Kritikern folgenden Vorschlag: Wie würden Sie denn den Sachverhalt beschreiben? Vielleicht gibt es tatsächlich eine treffendere Formulierung. Also wie würden Sie die nächsten zwei Absätze akkurat, kurz und prägnant beschreiben?

Eine Bevölkerungsgruppe wird in den Medien über einen längeren Zeitraum wiederholt pauschalisierenden Gleichsetzungen mit zweifelhaften Phänomenen wie etwa dem Rechtsextremismus, doch mindesten mit dem Rechtspopulismus, ausgesetzt. Eine, wie sonst üblich, kritische Reflexion der Vorwürfe bliebt damals (und bleibt bis heute) fast vollständig aus.

Hinzukommt, dass selbst als diese faktische Externalisierung des Rechtspopulismus in der bundesdeutschen Gesellschaft auf die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler wissenschaftlich widerlegt wurde, gab es jenseits kleinerer Erwähnungen der Migratenwahlstudie, keine Richtigstellung. Immerhin es wurde wieder still um diese Russlanddeutschen.

Ferner hatte ich dieses Phänomen in verschiedenen Diskussionen mit dem in der Politikwissenschaft verwendeten Begriff des Gruppendenken (Groupthink) beschrieben. Wikipedia umschreibt den Begriff so:

Gruppendenken ist ein Prozess, bei dem eine Gruppe von an sich kompetenten Personen schlechtere oder realitätsfernere Entscheidungen als möglich trifft, weil jede beteiligte Person ihre eigene Meinung an die erwartete Gruppenmeinung anpasst. Daraus können Situationen entstehen, bei denen die Gruppe Handlungen oder Kompromissen zustimmt, die jedes einzelne Gruppenmitglied unter anderen Umständen ablehnen würde.

So oder so: es wird Zeit, dass sich die Verantwortlichen einer Reflexion annehmen. In einer Zeit von FakeNews dürfen komplexe Zusammenhänge nicht mit Pauschalisierungen beantwortet werden. Schließlich ergibt sich sogleich die Folgefrage, die ich mir stelle: Wie genau soll die russische Vereinnahmung eigentlich bei der Zielgruppe der Russlanddeutschen vermittelt werden, wenn wir es nicht schaffen über diese Russlanddeutschen akkurat zu informieren?

Ich jedenfalls behalte mir die Hoffnung, dass diese leichte Disruption der bis heute überwiegend unreflektierten Wahrnehmung in Bezug auf die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler zum Nachdenken anregt. Und vielleicht schaffen wir es sogar noch vor der nächsten Krise etwas Aufklärung und Vertrauensarbeit zu leisten.

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Russlanddeutsche Diskurs

Thesen gegen Panik und Pauschalisierung. Für Vertrauensarbeit und Aufklärung.

Felix Riefer hält einen Vortrag auf der kulturhistorischen Tagung des Internationalen Verbandes der Deutschen Kultur (IVDK) zu „Russlanddeutsche als Teil der Bundesdeutschen Gesellschaft“, Detmold Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte am 12.10.2019.

Mit der sogenannten Ukraine-Krise 2014 und der Migrationskrise 2015 rückten die Russlanddeutschen in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Seit den pauschalisierenden Delinquenz- und Kriminalitätsberichten der 1990er und frühen Nullerjahren war es bis dato ruhig geworden. Während diesem kurzweiligen Intermezzo galten die Russlanddeutschen als „auffällig unauffällig“.

So beschrieb der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen noch 2013 die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler, wie die Deutschen aus Russland und ihre Familienangehörigen im Behördendeutsch heißen, ein „geräuschloses Einleben“. Christoph Bergner konstatierte das in dem Vorwort für den Forschungsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Auf „gute Integrationswerte“ entgegen der öffentlichen Wahrnehmung verwies auch die Studie „Ungenutzte Potenziale“ vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Doch eine Aufarbeitung und Aufklärung der Berichterstattung und der Berichterstatter blieb aus. Die vermeidliche Kritik, die eine tatsächliche Pauschalisierung war, blieb unverarbeitet zurück.

Folglich behielten die Mehrheitsbevölkerung sowie die Redaktionen zahlreicher Medien ihr auf Vorurteilen und Klischees basierendes Bild der Russlanddeutschen; ohne tatsächlich über die reale historische und rechtliche Situation der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler, ihrer Migration und Integration, aufgeklärt worden zu sein.

Vereinfacht betrachtet betonten die konservativen politischen Kräfte den ethnisch-nationalen Charakter dieser Volksgruppe und übersahen (oder überhöhten) nicht selten das vom Sowjetstaat systematisch unterdrückte sprachlich-kulturelle Erbe der Russlanddeutschen. Die spätere sowjetische Vereinnahmung der Deutschen über das was noch vom sprachlich-kulturellen Erbe übrig blieb als auch die schrittweise einsetzende ethnische Vermischung der Deutschen im sowjetisch-russischen Vielvölkerimperium und die daraus resultierenden Auswirkungen für die Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft wurden nicht selten außen vor gelassen.

Die linken Kräfte hingegen, wollten das Deutschsein der Volksgruppe, als auch die in der Ethnie begründeten Repressionen und Deportationen – Kriegsfolgenschicksal – sowie die staatlich-systematischen und alltags kulturellen Benachteiligungen der Deutschen im Sowjetsystem nicht wahrhaben. Zum Teil hadern bis heute viele Linke mit der ethnischen Komponente beim Zerfall des sozialistischen Vielvölkerimperiums, aber auch mit der Bewertung des sozialistischen Unrechtsstaates und der ökonomischen sowie ökologischen Ineffizienz des Systems in ihrer Betrachtung des postsowjetischen Raums. Sowie die Projektion dieser Vorstellungen auf die Russlanddeutschen.

Gleichzeitig bleibt auch wahr, dass viele russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler selbst nicht ihrer eigenen Geschichte als Volksgruppe aber auch der undogmatischen Geschichte der Sowjetunion vollständig bewußt sind. Nicht zuletzt eben aufgrund der sowjetischen Politik der massiven (nicht nur) kulturellen Enteignung und späteren Vereinnahmungsversuchen durch das sowjetische Regime bis hin zur punktuell ermöglichten Integration in dieses.

Diese drei vereinfachten Narrative sollen einen vereinfachten Überblick der problematischen Perspektiven geben und nicht die Personen aus dem entsprechenden politischen Spektrum, die sich der differenzierten Auseinandersetzung bemühen bzw. die Russlanddeutschen, die ihr kulturelles Erbe bewahren konnten, übersehen. Der überwiegende Großteil der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler hätte sich nicht ohne Rückhalt aus der Politik und Gesellschaft geräuschlos einleben können oder Vereine zur Pflege ihrer Geschichte organisieren können.

Logo des Museums für Russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold.

Schließlich trat für Migrationsfragen nicht unbedeutend im Jahr 2000 das neue Staatsangehörigkeitsrecht in Kraft. Neben dem Abstammungsprinzip (ius sanguinis) wurde das Geburtsortprinzip (ius soli) eingeführt. Ab 2005 sind die Einbürgerungsvorschriften nicht mehr im Ausländergesetzt sondern im Staatsangehörigkeitsgesetz zusammengefasst.

Diese Änderungen symbolisieren durch konkretes Recht eine neue wohltuend offene Mentalität des deutschen Staates in Migrationsfragen. Gleichzeitig wurde jedoch das Recht der (Spät-)Aussiedler auf Anspruchseinbürgerung, die letztlich nicht durch die Abstammung sondern durch das Kriegsfolgenschlicksal begründet wurde, mitabgeschafft. Für viele Russlanddeutsche eine herbe Kränkung.

Hinzukommt, dass die Russland- und Osteuropakompetenz in Deutschland nach dem Zusammenbruch des Ostblocks insgesamt stark abgebaut wurde. Lehrstühle wurden nicht mehr besetzt, Institutionen geschlossen, führende Medien machten ihre Büros in Moskau dicht. Dass das eine Fahrlässigkeit war wurde spätesten mit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland und dem vom Kreml geschürten Krieg in der Ostukraine offensichtlich.

Dieser Cocktail an parallel verlaufenden und in vielen Teilen nicht verarbeiteten Entwicklungen kumulierte in den Jahren 2014 und 2015 dann schließlich in eine beispiellose mediale Hexenjagd auf die Gesamtheit der Russlanddeutschen.

Die Instrumentalisierungsversuche des Kremls sowie der Rechtspopulisten bis hin zu Rechtsextremisten wurden nicht selten nahezu vollständig unreflektiert von Seiten der Medien übernommen und skandalisiert. Dadurch verhalfen die Medien selbst den sehr zweifelhaften Interessen aus dem Aus- und Inland zur größerer Verbreitung. Und trugen somit selbst zur stärkeren Irritationen in der bundesdeutschen Gesellschaft während der beiden Krisen 2014/2015 und eben nicht primär zu dessen Aufklärung bei.

Erst nach der Bundestagswahl 2017 und der Veröffentlichung der ersten Migrantenwahlstudie der Universität Duisburg-Essen und der Universität zu Köln kam es zu einer allmählich einsetzenden Ernüchterung in Bezug auf die Russlanddeutschen; ohne sich jedoch einer Sichtbaren Reflexion oder Aufarbeitung der medial inzwischen festgesetzten Frames, des Stigmata eines „Putin-gesteuerten Nazi-Migranten“, welcher der Prototyp eines Russlanddeutschen sein solle. Eine dringende Richtigstellung bleibt bis heute aus.

Die Migrantenwahlstudie widerlegt zwar das gängige AfD-Narrativ, denn Russlanddeutsche wählen demnach diese Partei nur geringfügig häufiger als der Bundesdurchschnitt, gleichzeitig legte sich aber auch Defizite in der politischen Bildung offen. Schließlich lag beispielsweise die Wahlbeteiligung der Russlanddeutschen mit 15 bis 20 Prozent unter dem Bundesdeutschendurchschnitt ohne Migrationshintergrund. Insgesamt sind noch viele Bürgerschafskompetenzen innerhalb der Gesamtheit der Gruppe der Russlanddeutschen ausbaufähig.

Gleichzeitig ist durch die in der Vergangenheit starken Verfehlungen in Bezug auf diesen Teil der bundesdeutschen Gesellschaft, auch wenn diese nicht mit denen in der sozialistischen Diktatur vergleichbar sind, noch viel Vertrauensarbeit zu leisten. Somit muss die Aufklärungsarbeit in alle Richtungen der Gesellschaft gehen; damit sie auch gelingen kann und sich in einer positiven und Gemeinwohl-orientierten Weise fortsetzen kann.

Nicht zuletzt kommt dabei erschwerend für die bundesdeutsche Demokratie hinzu, dass dies alles unter den Bedingungen der parallel weiterhin praktizierten Vereinnahmungsversuchen von Seiten des Kremls, der Rechtspopulisten und Rechtsextremisten sowie einer nicht seltenen Ignoranz den Russlanddeutschen gegenüber in politisch linksorientierten Kreisen geschehen muss.

Die Bildrechte in diesem Beitrag liegen bei © Felix Riefer samisdatblog.org

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Der Park Sarjadje befindet sich gleich neben dem Kreml, dem Roten Platz und der Basilius-Kathedrale. Der etwa 13 Hektar große Landschaftspark wurde von einem US-Amerikanischen Architektenböre entworfen und an die Stelle des ehemals größten Hotels Europas "Rossija" erst Ende 2017 eröffnet.

Eindrücke aus Moskau/Russland

Moskau hat sich tatsächlich beeindruckend verändert. Sogleich auffallend ist der neue Park „Sarjadje“ (oben auf dem Titelbild). Noch vor kurzem verunstaltete das graue, ehemals größte Hotel Europas „Rossija“ die Moskwa-Promenade neben dem Kreml, dem Roten Platz und der Basilius-Kathedrale.

Jetzt befindet sich hier auf etwa 13 Hektar ein moderner Landschaftspark, der von einem US-amerikanischen Architektenbüro entworfen wurde. Erst im September 2017 wurde „Sarjadje“ von Wladimir Putin und Sergej Sobjanin eröffnet. Selbstverständlich war die Entscheidung für die Grünanlage mitten in der Hauptstadt auf dem wohl teuersten Baugrund Moskaus keineswegs. Erste Pläne sahen eine Renovierung von „Rossija“ oder ein neues gigantisches Parlamentsgebäude vor.  

Der nicht mehr so geheime Geheimtipp: 
Wer gut und günstig direkt im sonst sehr teueren

Kaufhaus GUM am Roten Platz
gleich neben dem Kreml essen möchte, sollte bei der

"Stalowaja 57"
im dritten Stock vorbeischauen.

Diesen ersten positiven Eindruck werden viele haben. Besonders die, die noch nie oder in den vergangenen fünf Jahren nicht mehr in der russischen Hauptstadt gewesen sind. Mehr noch. Dieser Eindruck wird sich sogar verfestigen und betrifft bei weitem nicht nur „Sarjadje“. Die Straßen wurden gepflastert, Bäume angepflanzt und auch der von den Scorpions besungene Gorki-Park wurde beachtlich modernisiert. Es gibt Radwege und Radverleihstationen. Insgesamt wurde die Infrastruktur samt Fahrzeugen erneuert. 

Die berühmte Moskauer Metro ist ebenfalls auffallend ausgebaut worden. Innerhalb des Radius des Metrorings (braune Linie, Nummer 5) wurde die Stadt besonders herausgeputzt. Entsprechend wirkt Moskau vor allem innerhalb dieses Kerns sehr aufgeräumt. Vielleicht sogar zu aufgeräumt. 

Eine nicht mehr ganz neue Wandverzierung an der Metro WDNCh (orange Linie Nummer 6).

Man könnte behaupten Moskau sei optisch europäischer geworden. So kann der (westeuropäische) Tourist sich ab jetzt nicht nur in Sankt Petersburg, sondern auch in Moskau seine „Osteuropa light experience“ abholen. Innerhalb des Metrorings sind die Metrostationen inzwischen sogar mit lateinischen Buchstaben auf Englisch transliteriert und es gibt Durchsagen in englischer Sprache in den Metrozügen. Allerdings nur solange man sich nicht zu weit außerhalb des Radius des neueröffneten Eisenbahnrings (MCK) bewegt. Schließlich entwickelt sich Moskau scheinbar konzentrisch. Ring für Ring. Ausgehend von der Kremlmauer, über den Metroring bis zum Eisenbahnring. Diese drei werden dann vom Moskauer Autobahnring umarmt.

Investitionen wie das beschriebene optische Aufpolieren des erweiterten Stadtkerns verlassen Moskau kaum. Und wenn dann nicht selten als Schwarzgeld vorzugsweise ins westliche Ausland.

Blick auf Moskau-City vom Ausgang der Metrostation "Fili"der hellblauen Linie Nummer 4.
"Fili" liegt nur eine Haltestelle hinter dem Moskauer zentralen Eisenbahnring (MCK) und drei Haltestellen hinter dem Metroring (braune Linie Nummer 5).

Während beispielsweise in der ältesten Universitätsstadt Sibiriens Tomsk eine Wasserpumpe feierlich eröffnet wird (darüber wurde sogar in der Nachrichtensendung „Westi“ berichtet) oder selbst vor den Toren Moskaus in der Oblast Twer die Bereitstellung von Mülltonnen ebenso einer kleinen „Eröffnungszeremonie“ bedurfte, konzentriert sich der Reichtum des riesigen Landes immer weiter in den Händen von sehr Wenigen.

Dieser Trend wird von verschiedenen Organisationen weltweit beobachtet, doch in Russland sind die Werte besonders dramatisch. So bescheinigen der Verbund von Hilfsorganisationen Oxfam oder Finanzanalysten wie Credit Suisse Russland am wenigsten gegen Ungleichheit zu unternehmen, während die reichsten 10% der Russen fast 90% des gesamten Vermögens des Landes besitzen.

Bei allen positiven optischen Veränderungen in Moskau sind die politischen Verhältnisse in Russland eher von einem umgekehrten „Wind of Change“ geprägt. In der Politikwissenschaft spricht man von „Shrinking Spaces“. Von zunehmend schwindender Freiheit der Zivilgesellschaft und der Medien.

Der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag zwischen der Wlast (Staatsmacht & Obrigkeit) und dem Narod (Volk), letztlich zwischen dem Kreml und dem Rest: „Ihr mischt euch nicht in Politik ein und dürft mehr oder weniger die positiven Seiten der Markwirtschaft genießen“ löst sich entsprechend zunehmend auf. 

Boris-Nemzow-Brücke in Moskau.
Am 27. Februar 2015 wurde der ehemalige russische Vizeregierungschef und spätere Oppositionelle Boris Nemzow an dieser Stelle ermordet.

Die ohnehin kleine Mittelschicht in Moskau, Sankt Petersburg und weiteren Großstädten hatte die skrupel- und maßlose Korruption satt und formierte Protest. Dieser wurde brutal niedergeschlagen und mündete in den „Bolotnaja-Prozessen“, benannt nach dem Bolotnaja-Platz, wo die Hauptproteste gegen Wahlfälschung und Korruption 2011/12 stattgefunden haben.

„Nach den Protesten im Winter 2011/12 sollte sich der Hipster in Moskau wieder wohlfühlen“, kommentierte ein Moskauer Freund die optischen Veränderungen heute. Frei nach dem Motto „Wenn man schon nicht mitbestimmen darf wie im Westen, sollte es doch wenigstens so aussehen wie im Westen“. Und er fügte hinzu:

„Dieser Effekt wird nicht langfristig sein“

Eine russische Kollegin von einer renommierten Moskauer Universität äußerte starke Bedenken im Zusammenhang mit der Entwicklung Russlands, aber auch Moskaus. Sie sei eine „echte Moskauerin“ (dazu wird man, wenn man mindestens in der dritten Generation in Moskau lebt, wie sie mir auf Nachfrage erklärte) und habe Angst wie ultra schnell die Stadt wächst und wie viele aus Russland und dem gesamten postsowjetischen Raum in diese Stadt strömten. Während Moskau aus allen Nähten platzt, verlieren andere Städte und Regionen ihre hellsten und fähigsten Köpfe. Die zunehmend autoritäre Politik des Kremls und die „Shrinking Spaces“ beschreibt sie nur halb im Scherz mit folgendem in Russland nicht seltenen Vergleich:

„Wir sind schon fast nördlicher als Korea“

Optische Veränderungen sowie die lange verschleppten und durch die grassierende Korruption viel zu kostspieligen Investitionen in Moskau, punktuell auch in weitere Großstädte und situative Großprojekte, bleiben folglich nur Kosmetik. Denn diejenigen, die in Moskau keine Perspektive haben oder der politischen Enge des Regimes entfliehen möchten, verlassen Russland. Richtung politischer und wirtschaftlicher Stabilität. Beides ist nach wie vor im Westen am ehesten realisiert.

Der Braindrain, die Talentabwanderung aus Russland, wird auch nicht aufhören. Und zwar solange bis sich die Kremlstrategen von ihren Kriegsabenteuern verabschieden und in das Wohlergehen der eigenen Bevölkerung zu investieren beginnen.

Der geplante Bau eines gigantischen neuen Parlamentsgebäudes wird erst dann mehr als eine weitere Dekoration im Stadtbild sein, wenn die Duma zu einem echten Parlament umfunktioniert wird, in dem tatsächlich diskutiert wird und politische Kämpfe real ausgetragen werden. In diesem Sinne bleibt die Diskussion über die Renovierung von „Rossija“ noch lange ganz schön aktuell.

Kli­schee und nicht ganz so geheimer Geheimtipp:
Meerrettich Wodka mit frischen Gurken als Sakuska

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Eindrücke aus Kasachstan/Almaty

Umgeben vom Tienschan liegt die ehemalige Hauptstadt der einstigen Sowjetrepublik Kasachstan. Seit 1993 heißt die Stadt Almaty, zuvor hieß sie Alma-Ata, was zu Deutsch etwa „Vater des Apfels“ bedeutet. Hier wurden einst die berühmten Aport-Äpfel angebaut und noch heute ist der Apfel als Symbol der Stadt allgegenwärtig. Dass in dieser ehemaligen zaristischen Garnisonstadt am 21. Dezember 1991 die sogenannte Alma-Ata-Erklärung – das endgültige Aus des sozialistischen Imperiums – unterzeichnet wurde, hätte zuvor wohl kaum jemand vermutet. Heute wurde diese Tatsache fast gänzlich vergessen sowie das Land selbst auch kaum Beachtung erfährt. Mehr als die Assoziation mit der Komödie Borat (Sacha Baron Cohen), die letztlich eine Parodie auf die US-amerikanische Gesellschaft ist, ist häufig nicht drin. Zwar ist Kasachstan in der deutschen Öffentlichkeit kaum ein Begriff oder Thema, doch wird das zentralasiatische Land von Beobachtern als der Tigerstaat der Region beschrieben. Die reichhaltigen Rohstoffvorkommen erlauben eine relative wirtschaftliche Stabilität und regionalen Handlungsspielraum.

Der Apfel als Symbol der Stadt.

Der Apfel als Symbol der Stadt ist allgegenwärtig.

Als ein Nachfolgestaat der Sowjetunion ist Kasachstan heute noch stark durch die sieben Jahrzehnte Sowjetdiktatur geprägt. Dies zeigt sich nicht zuletzt durch den Präsidenten Nursultan Nasarbajew selbst. Nasarbajew ist noch in der UdSSR unter Michail Gorbatschow eingesetzt worden und regiert seitdem ununterbrochen das Land. Kasachstan war die letzte der 15 Sowjetrepubliken, die sich am 16. Dezember 1991 für unabhängig erklärt hatte. Insgesamt verläuft die Loslösung vom russischen Einfluß durchaus bedacht und nur schrittweise. Kooperation, wo es als nötig befunden wird, bei sonstiger Betonung der Souveränität. Man versucht die verschiedenen Interessen der Großmächte wie China, Russland, USA, aber auch der Türkei oder der EU geschickt für sein eigenes Wohl auszuspielen. Nicht zuletzt lebt im Norden des Landes sowie in den Großstädten eine beachtliche russische Minderheit. Russisch ist nach wie vor Lingua franca, auch wenn der kasachische Staat verstärkt auf Kasachisch als Verwaltungs- und Mediensprache setzt. Auch soll das kyrillische Alphabet bis 2025 auf das lateinische umgestellt werden. Historisch spielt das Land aus bundesdeutscher Perspektive vor allem auch als Verbannungsort hunderttausender sogenannter Russlanddeutscher eine wichtige Rolle. Entsprechend entstamm ein Großteil der russlanddeutschen (Spät-) Aussiedler aus den Regionen in der heutigen Republik Kasachstan.

Eislaufbahn Medeo

Eislaufbahn Medeo 

1997 wurde die Hauptstadt in den Norden des Landes verlegt. Der ehemalige kleine Umschlagbahnhof Zelinograd wurde zur modernen Metropole Astana. Dennoch ist Almaty weiterhin das kulturelle Zentrum des Landes. Nicht zuletzt auch daran zu erkennen, dass viele der neuen Hauptstädter ihre Wochenenden lieber in Almaty verbringen. Und wer könnte es ihnen verübeln: Trotz der recht starken Luftverschmutzung durch die Autoabgase, steht Almaty in Lebensqualität europäischen Städten in Nichts nach. Zahlreiche Cafés und Bars, die vielen Museen und kulturellen Einrichtungen bieten reichlich Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Die Umgebung der Stadt bietet weitere phantastische Möglichkeiten, darunter Skifahren auf dem Schymbulak, Eislaufen auf der olympischen Eislaufbahn Medeo (190 Weltrekorde wurden hier aufgestellt), der Scharyn Canyon sowie die Kolsay-Seen im Grenzgebiet zu China und Kirgistan, oder Höhlenmalereien von Tamgaly (Weltkulturerbe-Stätten der UNESCO).

Scharyn Canyon

© Felix Riefer samisdatblog.org

Doch darf das alles, sowie die schicken Neubauten und die schmale Mittelschicht in den Metropolzentren, nicht den Blick auf die Menschenrechtslage, die Korruption (Platz 131, Korruptionsindex 2016) und die Realitäten eines postsowjetischen-autoritären Systems insgesamt, trüben.

Mehr in meinem Interview mit der Deutschen Allgemeinen Zeitung (DAZ), der Zeitung der deutschen Minderheit Kasachstans, die in Almaty herausgegeben wird.

DAZ Russlanddeutsche

Ebenfalls ist in der DAZ meine Analyse des Wahlverhaltens der „Russlanddeutschen“ zu finden. 

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Wahlverhalten Russlanddeutsche BTW2017 Studie der Uni Duisburg-Essen

CDU 27%
Linke 21%
AfD 15%
SPD 12%
FDP 12%
Grüne 8% 

Ich habe diesen ausschließlichen AfD-Fokus in Bezug auf russlanddeutsche (Spät-) Aussiedler von Anbeginn als unsachlich und unpräzise kritisiert. Die Präferenz für die Linke ist teils durch sozioökonomische Faktoren, teils durch die Sozialisierung in der SU erklärbar. Ähnliches gilt auch für die AfD, nur mit etwas anderer ebenfalls gruppenspezifischer Ausprägung. Dass Journalisten und Wissenschaftler sich überwiegend nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben, aber sich dennoch trauten starke Diffamierung zu betreiben, schadet letztlich nur unserer Gesellschaft insgesamt. Die wiederholte begriffliche Unschärfe („Deutschrussen“, anstelle von „Russlanddeutsche“, „Deutsche aus Russland“) und falsch verwendete Zahlen sind nur zwei Beispiele der fehlenden Beschäftigung mit dem Thema. Dabei recherchierte der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags bereits 2016: „Von 1950 bis 2014 wurden insgesamt 4.517.052 (Spät-) Aussiedler und deren Angehörige in der Bundesrepublik aufgenommen. 2.369.506 Personen kamen dabei aus der ehemaligen UdSSR.“ Wir sollten reflektierter mit Menschen und Problemen umgehen. Insgesamt findet jedoch eine allmähliche Normalisierung der Berichterstattung in Bezug auf die sogenannten Russlanddeutschen statt.

WahlverhaltenRusslanddeutscheRieferDie „erste deutsche Wahlstudie unter deutschen Staatsbürger/innen mit Migrationshintergrund“ wurde von Prof. Dr. Achim Goerres (Universität Duisburg-Essen) und PD. Dr. Dennis Spies (Universität zu Köln) sowie Dr. Sabrina J. Mayer (Universität Duisburg-Essen) durchgeführt.

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