„Ich bin mir sicher, dass ein solcher Umgang mit Minderheiten in anderen Fällen – völlig zu Recht – ebenfalls nicht akzeptiert wird.“

In der aktuellen Folge von Zeitgeschehen beschäftigen wir uns mit der Frage, wie wir das Problem der medialen Darstellung von „Russlanddeutschen“ lösen können, ohne ins Medienbashing zu verfallen. Die Fragen im nachstehenden Interview mit dem Politikwissenschaftler Felix Riefer stellte VadW-Redakteurin Katharina Martin-Virolainen.

Wie empfinden Sie im Allgemeinen die Medienlandschaft in Deutschland?

FR: In Deutschland haben wir das Glück eine freie und plurale Medienlandschaft genießen zu dürfen. Diese ist sowohl auf der lokalen Ebene als auch überregional sowie im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt.

Und trotz der guten Grundlage gibt es Lücken. Zum Beispiel, was die Darstellung der Deutschen aus Russland betrifft …

FR: Man kann sich hier leider nur wiederholen: das Wissen über die Deutschen aus Russland ist in der Gesamtgesellschaft sehr gering bis gar nicht vorhanden, oder es handelt sich um ein gefährliches Halbwissen. Dies spiegelt sich auch in den verschiedenen Redaktionen wider.

Erst kürzlich lieferte der deutsche Journalist Hasnain Kazim ein weiteres Beispiel in seinen Social-Media-Posts. Wörtlich war da zu lesen: „Interessant ist übrigens auch, wen deutsche Medien jetzt alles als ‚USA-Experten‘ bringen. Das ist wie mit der Helmut-Kohl-Regierung, wen sie alles als ‚Russlanddeutschen‘ sah – da reichte auch der Besitz eines deutschen Schäferhundes vor 200 Jahren.“

Wie waren die Reaktionen darauf?

FR: Unter den Deutschen aus Russland gab es in den sozialen Netzwerken eine Welle der Empörung. Viele Menschen haben unter seinem Post Kommentare geschrieben und versucht zu erklären, warum diese Aussage mit dem Schäferhund so verletzend ist. Doch ein Entsetzen aus der Gesellschaft oder den Medien, wie man es aus anderen Fällen kennt, wo andere Minderheiten betroffen sind – ist (fast) komplett ausgeblieben. Es waren einzelne Personen, die sich in den Kommentaren und Posts dafür eingesetzt haben, dass dieser Beitrag gelöscht oder richtiggestellt wird.

Ein paar Tage später folgte eine Entschuldigung von Seiten Herrn Kazims. Doch leider steckt da noch immer eine ganze Menge Unwissen in Bezug auf die Aussiedlermigration drin; beispielsweise wird das Kriegsfolgenschicksal (Verfolgung aufgrund der Ethnie in den kommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas sowie Südosteuropas), die eigentliche Begründung für die Ko-ethnische Migration Deutschlands, schlicht und letztlich fälschlicherweise auf „deutsches Blut“ reduziert. Doch es ist nicht unsere Absicht uns auf einzelne Personen zu stürzen oder Sündenböcke zu suchen. Gleichwohl: sind die Kommentare unter seinen Posts beispielhaft für das vorherrschende Bild von „den Russlanddeutschen“ in der Gesamtgesellschaft: es werden immer wieder überkommen geglaubte Klischees und falsche Vorstellungen verbreitet oder unserer Gruppe von drei Millionen unterschiedlichster Menschen hanebüchene Dinge unterstellt.

Felix Riefer mit „seinem Schäferhund

Worin sehen Sie die Ursache für diesen Missstand?

FR: Ein Kernproblem ist das Versäumnis die russlanddeutsche Aussiedlermigration rechtzeitig und breitenwirksam aufgearbeitet zu haben. Wann und in welchem Kontext wurden die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler erwähnt? In den 1990er Jahren war der Begriff eher kriminell besetzt. Anfang der 2000er dann plötzlich „auffällig unauffällig“. Mit dem Ukraine-Konflikt und dem Fall „Lisa“ bis zur Bundestagswahl 2017 gab es eine unreflektierte Aufmerksamkeit aus der sicherheitspolitischen Perspektive und eine Einbettung des Begriffs „Russlanddeutsche“ in Deutungsraster mit Bezug zum Rechtspopulismus. Das alles wurde begleitet von einer Reihe von Berichten, die unsauber recherchiert waren und die Deutschen aus Russland sowie alle anderen Migranten aus dem postsowjetischen Raum in ein falsches Licht gerückt haben. Dabei haben die wenigen sachlichen Beiträge, die es auch gab, kaum einen Einfluss auf das medial hergestellte Gesamtbild. Folglich werden sich die Menschen noch in zehn Jahren überwiegend an die verzerrten Bilder erinnern, eben weil diese negative Präsenz in den Medien so dominant war. Von daher sind es die Medien, die in der Pflicht stehen, das Thema akkurat und wahrheitsgetreu aufzuarbeiten. Am besten genauso intensiv, wie man es zuvor hergestellt hat. Ich bin mir sicher, dass ein solcher Umgang mit Minderheiten in anderen Fällen – völlig zu Recht – ebenfalls nicht akzeptiert wird. Aber auch wir selbst müssen etwas dazu beitragen, dass sich das ändert.

Und konkreter? Was müssen wir tun?

FR: Uns gegen falsche Behauptungen wehren. Jedes Mal darauf reagieren, wenn eine Fehlinformation irgendwo auftaucht. Das mag trivial und langwierig klingen, doch das ist die Herangehensweise, die auf Dauer Erfolg verspricht. Ich verstehe, dass solche Kleinkämpfe ermüdend sein können. Aber das ist doch in unser aller Interesse. Auch im Interesse der Medien übrigens, die sich eigentlich hier an ihren eigenen Ansprüchen messen lassen sollten.

Was die sachliche Argumentation betrifft: Das ist ja meistens das Problem, dass man nicht weiß, wie handfest die eigenen Argumente sind.

FR: Was das Wissen über Deutsche aus Russland angeht, da empfehle ich das Dossier Russlanddeutsche der Bundeszentrale für politische Bildung. Des Weiteren würde es einen enormen Fortschritt bringen, wenn man über die Deutschen aus Russland endlich in der Schule sprechen würde, wenn das Thema ein fester Bestandteil des Geschichtsunterrichts und der Gesellschaftskunde wäre. Weitere Instrumente sind zum Beispiel Wanderausstellungen oder persönliche Begegnungen wie Zeitzeugengespräche, die sich sowohl mit den Verbrechen der Stalinzeit aber auch mit der Übersiedlung in das Migrationsland im Werden, die Bundesrepublik der 1980er/90er, beschäftigen.

Herr Riefer, vielen Dank für das spannende und informative Interview!

Dossier Russlanddeutsche: www.bpb.de/russlanddeutsche  

Weitere Informationen über Felix Riefer finden Sie hier. 

In der nächsten Folge von Zeitgeschehen geht es um das Thema: „Russlanddeutsche fünf Jahre nach ‚Lisa‘“. Dieses Gespräch ist für die Zeitschrift VOLK AUF DEM WEG Nr. 12/2020 geführt worden. Mehr über die VadW finden Sie hier.

PS. Check-out: das dekoder.org Dossier zu Russlanddeutschen, das zum Tag der Deutschen Einheit online ging und noch weiter wächst: https://nemcy.dekoder.org/de


Die Bildrechte in diesem Beitrag liegen bei © Felix Riefer samisdatblog.org

Von der Wolga an den Rhein

Ist es ma­ka­ber vom Kriegsfolgenschicksal zu schreiben und dabei mit Karnevalskamellen anzufangen? Jedenfalls beginnt meine erste eigene Erinnerung an meinen Ur-Großvater, Friedrich Faust, so: Ich war noch sehr jung und er bereits zu alt, um viel mehr zu tun als in seinem Sessel zu sitzen. Dabei aß er gerne aus einer neben ihm stehenden Schale Süßigkeiten. Diese füllten wir Ur-Enkel mit Lakritz, welches wir an Karneval gefangen hatten. Besonders nobel oder fürsorglich war es von uns Kindern allerdings nicht wirklich, denn wir mochten Lakritz eigentlich gar nicht und waren froh diese losgeworden zu sein.

Meinen Ur-Großvater, Christian Riefer, habe ich noch weniger gekannt. Er war kurz vor der Übersiedlung Anfang der 1990er Jahre verstorben. Aus verschiedenen Ecken der untergegangen Sowjetunion kommend wurde unsere Familie unterschiedlichen Ecken des nun wiedervereinigten Deutschland zugeteilt. Das Verteilungssystem hieß Königsteiner Schlüssel und wir wurden als russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler bezeichnet. Einige kamen über die berühmte Erstaufnahmeeinrichtung für Vertriebene und Flüchtlinge Friedland. Für die meisten unserer Familie war aber das „Tor zur Freiheit“ die Landesstelle in Unna-Massen.

Meine Mutter kam mit uns drei Kindern etwas später als Familiennachzug zu unserem Vater, der inzwischen in Bonn lebte. Hier lernten wir neben der deutschen Sprache nicht zuletzt auch den rheinischen Karneval und Kamellen lieben – bis auf die Lakritze natürlich, die schon bald niemanden mehr hatten, der sie aus der Schale nehmen würde. Und trotz aller Widrigkeiten und Schwierigkeiten hätte es die beiden Ur-Großväter sicher sehr gefreut, dass es uns allen in der neuen alten Heimat letztendlich gut geht. Denn so verhältnismäßig sorglos wie unser Aufwachsen im Rheinland, war das Leben der beiden Männer im „sozialistischen Paradies“ indessen nie.

Zwangsarbeiter im Gulag

Beide wurden als Teil der deutschen Minderheit der Sowjetunion Anfang 1942 zur Zwangsarbeit in das Lager BasStroi nach Krasnoturinsk im Ural mobilisiert. In diesem vom Geheimdienst überwachten Zwangsarbeitslager mussten sie unter anderem am Bau des Bogoslowski-Aluminiumwerks schuften. Euphemistisch wurde dies von den Sowjets als „Arbeitsarmee“ (Trudarmija) bezeichnet. Der stalinistische Große Terror sah eine Reihe von politisch-ethnisch begründeten Säuberungsaktionen vor bei denen die Deutschen – aber auch z.B. Polen, Letten oder Tataren – eine zentrale Rolle spielten.

Diejenigen, die nicht ermordet worden sind, kamen in den Gulag und mussten Zwangsarbeit verrichten. Insgesamt waren meine Ur-Großväter jeweils fast 14 Jahre lang im Gulag. Zunächst als Trudarmisten und anschließend als „Sondersiedler“. Dieser Status war in vielerlei Hinsicht lediglich eine Umbenennung des vorherigen Zwangsarbeiterstatus.

Friedrich Faust wurde 1912 in Oberdorf (heute: Kupzowo) und Christian Riefer 1902 in Alexanderhöh (heute: Alexandrow) an den beiden gegenüberliegenden Ufern im deutschen Siedlungsgebiet an der Wolga in Südrussland geboren. Der eine auf der Bergseite, der andere auf der Wiesenseite des Flusses. Und obwohl sie später im selben Gulag inhaftiert waren, lernten sie sich erst auf der Hochzeit ihrer Kinder gegen Ende des Sondersiedlerregimes Mitte 1950 kennen.

Instrumentalisierung der Wolgadeutschen

Beide waren Nachfahren der deutschen Kolonisten, die ab dem 18. Jahrhundert auf Einladung von russischen Monarchen in das Zarenreich übersiedelten. Das erste Einladungsmanifest (Kolonistenbrief) wurde 1763 von Zarin Katharina II. und seine Neuauflage 1804 vom Zaren Alexander I. unterzeichnet. Unter den Kommunisten, die die Macht in Russland ab 1917 ergriffen, sollte in dem Gebiet der Wolgadeutschen Kolonisten bald die sogenannte Wolgadeutsche Republik gegründet werden. Dieses erste deutsche sozialistische Gemeinwesen bestand von 1918/24 bis 1941 als eine ethnoterritoriale Selbstverwaltung im Rahmen der Sowjetunion.

Die sozialistische Wolgadeutschenrepublik sollte dem Kommunismus in der Weimarer Republik den nötigen Anschub verleihen. Schließlich ging die kommunistische Ideologie davon aus, dass die Weltrevolution vom industrialisierten Deutschland und seinem Proletariat ausgehen würde. So sollten die wolgadeutschen Kolonisten zu Kommunisten gewendet werden. Folglich sollten diese ersten Deutschen mit einer eigenen „sozialistischen Republik“ ihren Landsleuten in der Weimarer Republik als Propagandabeispiel dienen. Doch zunächst mussten Genossen aus dem Deutschen Reich ihre Landsleute an der Wolga überhaupt erst zu Kommunisten machen. Der wohl berühmteste Propagandist des Sowjetregimes an der Wolga ist der spätere sozialdemokratische Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter.

Später kam es im Hitler-Stalin-Pakt zu einer Verbrüderung der sich eigentlich bekämpfenden Regime. Diese Freundschaft hielt bekanntlich bis zum Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion Stalins im Sommer 1941. Indessen Folge wurde die Wolgadeutsche Republik vom Sowjetregime liquidiert. Die eben erst zu Vorzeigekommunisten erkorenen Wolgadeutschen wurden haltlos der Kollaboration mit Hitler beschuldigt und am 28. August 1941 nach Sibirien und Zentralasien deportiert, wo sie anschließend in die Trudarmee zwangsmobilisiert wurden.

Archivbescheinigung des Innenministeriums der UdSSR, die die Deportation meines Urgroßvaters Friedrich Faust am 28. August 1941 aus der Wolgarepublik bestätigt.

Deportation und Mobilisierung

Unerwähnt bleibt in dieser Erzählung der Massenhunger der 1930er Jahre. Als Holodomor in der Ukraine bekannt nahm dieser auch in Südrussland zahlreichen Menschen das Leben. Während dieser Hungersnot, die durch die kommunistische Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und der Liquidierung wohlhabender Bauern – von der sozialistischen Propaganda abwertend Kulaken genannt – starben auch viele Angehörige meiner Familie.

Vor der Deportation war der letze Wohnort der überlebenden Fausts Mühlberg an der Wolga (später zu Schtscherbakowka umbenannt), bevor sie in das über 2000 Kilometer weit entfernte Sibirien deportiert worden sind: von Kamyschin aus in das Gebiet Tjumen in den Verwaltungsbezirk Sorokinskij. Die Riefers sind hingegen bereits 1909 im Rahmen der Stolypinschen Reformen freiwillig nach Nowo-Usenka in Nordkasachstan weitergezogen. Durch diese Bodenreform sollte in Russland eine bäuerliche Mittelschicht entstehen, doch es kam alles anders. Anstelle eigener großer Ländereien war die Familie 1932 gezwungen im nicht weit entfernten Dorf Friesenau einer Kolchose beizutreten.

Von diesen Orten aus werden die beiden Männer nach Krasnoturinsk in den Ural zwangsmobilisiert. Nach Jahren der Zwangsarbeit können sie – weiterhin inhaftiert unter dem Sondersiedlerstatus – ihre Familien in den Gulag nachholen. Ihres Eigentums beraubt und auch sprachlich wie kulturell enteignet, kommt es allmählich zu einer Normalisierung des Lebens in der sozialistischen Diktatur – bis zur ermöglichten Ausreise im Rahmen der Liberalisierung unter Michael Gorbatschow Mitte der 1980er Jahre.

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Nachlese zum #Weltbuchtag

Der Welttag des Buches ist natürlich etwas schönes. Auf der anderen Seite: braucht man wirklich einen Anlass um sich mit Bücher zu beschäftigen? Außerdem waren es bei den vorangegangenen #Leseempfehlungen auch nur fünf vorgestellte Titel. Schließlich diktiert einem die Erwartungshaltung, dass es eigentlich immer zehn Optionen („Top 10“) sein sollen… So war ich gezwungen die folgenden ebenfalls äußerst lesenswerten Bücher der Liste hinzuzufügen.

Excellent Sheep

von William Deresiewicz

Wie erhält man eine gute Bildung für ein sinnstiftendes Leben? Zunehmend weniger an den hochselektiven Universitäten, die Studenten nach Leistungskriterien ähnlich der von Personalabteilungen börsennotierter Unternehmen auswählen – wo sie möglichst tadellos funktionieren sollen. Dabei ist diese Auslese sowie die Schwerpunktsetzung an den Hochschulen tatsächlich kontraproduktiv sowohl für die Gesellschaft als auch für die Wirtschaft. Vieles läuft darauf hinaus, dass gerade in Eliteeinrichtungen – nicht nur in den USA – die Befähigung zum selbständigen Denken zu kurz kommt. Folglich gerät die Kompetenz sich Wissen selbständig anzueignen, insbesondere welches nicht unmittelbar anwendbar ist, in den Hintergrund.

Die Wandelbaren

Eleonora Hummel

Über das Leben der Deutschen in der Sowjetunion ist nicht nur hierzulande kaum etwas bekannt. Die sogenannten Russlanddeutschen wurden unter Stalin aus dem Westteil des Landes nach Sibirien oder eben nach Zentralasien deportiert. Während und im Nachgang der liberalen Politik der Perestroika unter Michail Gorbatschow siedelte der Großteil der Russlanddeutschen in die Bundesrepublik aus. Doch dieser Roman geht weiter und tiefer. Er veranschaulicht die Werdung des Deutschen Theaters im kasachischen Temirtau und schildert bildhaft die Geschichte der Gesichter sowie Schicksale dahinter.

Sechs Jahre sind die Ewigkeit

von Eduard Kotschergin

1945 in der Nachkriegssowjetunion. Noch immer herrscht Stalin. Ein Kind flieht aus einem Kinderheim in Sibirien. Das Heim ist für von vom Sowjetregime als „Feinde des Volkes“ stigmatisierte Kinder. Hierhin wurde Eduard Kotschergin, getrennt von seiner Mutter, gebracht. Noch spricht er kein russisch, denn seine Mutter ist Polin und sein russischer Vater wurde wegen der Beschäftigung mit der „bürgerlichen Wissenschaft Kybernetik“ verhaftet. Die Odyssee des Kindes ist autobiographisch – sie dauert sechs Jahre lang, denn sie ist absolut ungewiss und soll von Omsk zurück nach Leningrad führen…

Auf der Suche nach einer neuen Ordnung

von Ralf Dahrendorf

Die „tätige Freiheit“ war für den 2009 verstorbenen Sozialwissenschaftler und Politiker die „oberste Maxime“. Freiheit bedeutet die Abwesenheit von Zwängen und die Ermutigung zur Eigentätigkeit. Grundlage hierfür ist die stetige und weit mögliche Ausweitung der Rahmenbedingungen für die Verwirklichung von Lebenschancen. Dies ist nur in einer offenen Gesellschaft realisierbar. Ungleichheit ist in so einer Gesellschaft erträglich, solange niemand in die Lage versetzt wird, anderen die volle soziale Teilnahme abzusprechen. Dabei müssen auch die in Armut lebenden soweit gestützt werden um von ihren Bürgerrechten Gebrauch machen zu können. Die Grundlage für die Freiheit (der Lebenschancen) bleibt jedoch die eigenverantwortliche Tätigkeit.

Die Grenze

Erika Fatland

Nicht nur in Zeiten der sozialen Isolation ist Reiseliteratur beliebt. Nach ihrer Erkundung Zentralasiens ist der norwegischen Anthropologin im Traum eine riesige Landkarte erschienen. Auf dieser spazierte sie entlang der russischen Grenze. Wieder wach machte sie sich auf den Weg die gut 61.000 Kilometer zu erkunden. Erika Fatland verpackt ihre Erlebnisse mit historischen Fakten zum spannenden Infotainment. Ob man im Kreml wegen ihr von Einkreisung spricht?

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#Leseempfehlung #WelttagDesBuches

Für einen Menschen wie mich, der gerne einfach nur durch den Hashtag #Leseempfehlung in den Sozialen Medien auf Lesenswertes hinweist, bietet der Welttag des Buches einen Anlass doch etwas mehr Zeit zu investieren und die Werke ein kleinwenig ausführlicher zu präsentieren. So lade ich jede/n dazu ein, folgende fünf Page­tur­ner zu beherzigen.

Der Lärm der Zeit

von Julian Barnes

Von Stalin geächtet. Später von Stalin zum Repräsentanten des Sowjetregimes erkoren. Im Tauwetter dann zwar ohne Todesangst, jedoch moralisch völlig zerrissen. Drei Episoden aus dem Leben des Komponisten Dmitrij Schostakowitsch liefern Einblicke in das (Über-)Leben unter dem sowjetischen Repressionsregime.

Das Ende des amerikanischen Zeitalters

von Thomas Jäger

Wie der Westen seine freiheitlichen offenen Gesellschaften auch in Zukunft bewahren kann wird in diesem Essay skizziert. Dabei wird die gegenwärtige Zerrissenheit und Führungslosigkeit des Westens präzise analysiert und die Herausforderungen insbesondere durch die chinesische und russische Autokratie, aber auch durch den Klimawandel oder die Migrationsströme behandelt.

Der himbeerfarbene Pelikan

von Wladimir Woinowitsch

Wirklich wichtige Dinge können nur dem EMDS, dem Ersten Mann des Staates anvertraut werden. Dieser hatte wohl aus Tierliebe die ukrainische Halbinsel Krim annektiert, um die himbeerfarbenen Pelikane vor der Kiewer Junta zu retten. Man erzählt sich der ukrainische Präsident wollte die beiden vom aussterben bedrohten Vögel zum Frühstück verspeisen… 

Leider wurde dieses Buch vom inzwischen verstorbenen Satiriker Wladimir Woinowitsch nicht ins Deutsche übertragen. Für die, die keinen Russischsprachkurs belegen können oder mögen, sei hier auf den von Simon T. Roden vorgetragenen Auszug bei der Verleihung des Lew Kopelew Preises 2016 verwiesen.

Picknick auf dem Eis

von Andrej Kurkow

Vorab-Nachrufe zu schreiben war nicht der Traum von Viktor, der als Journalist/Schriftsteller es nicht schafft genügend Geld zum Leben zu verdienen. Doch die Nekrologe werden gut entlohnt. Jedoch muss er bald feststellen, dass er damit der Mafia des postsowjetischen Kiew zuarbeitet… Ach ja, dann ist da noch dieser Pinguin..

Warum Nationen Scheitern

von Daron Acemoglu & James A. Robinson

Wohlhabende Staaten haben ihren Reichtum ihren inklusiven Institutionen zu verdanken. Es sind ebendiese einschließenden und durchlässigen Institutionen des Staates, die – auch wenn zunächst brüchig – über die Jahrhunderte hinweg die notwendigen Innovationen für die Gesellschaft und Wirtschaft ermöglichen. Dieses Erklärungsmuster wird entlang der Menschheitsgeschichte durchexerziert.

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Advocatus Diaboli – Anwalt des Teufels

Reaktionen zu den Thesen zum Russlanddeutsche Diskurs

Skulptur des Teufels auf dem Hexentanzplatz in Thale © Jed CC BY-SA 3.0 de. Die Rolle eines Advocatus Diaboli wird für Entscheidungsprozesse eingeplant, um Gruppendenken (Groupthink) zu vermeiden.

Der Vorwurf einer Selbstviktimisierung der Russlanddeutschen wird immer dann herausgeholt, wenn keine Argumente mehr vorhanden sind. Er ist so alt wie er falsch ist. Und gehört letztlich – bewußt oder unbewußt – in die Methodenkiste der Ablenkung: er ist schlicht ein Whataboutism.

Aber auch sonst ist es natürlich bequemer sich nicht mit den eigentlich aufgeführten Problemen zu beschäftigen. Noch bequemer ist das alles, wenn man an dessen Entstehung nicht selten selbst beteiligt war. Sei es auch nur durch die eigene Ignoranz.

Beim Whataboutism möchte man durch Zerstreuung vom eigentlichen Inhalt ablenken. Dazu gehören die Suche nach Tippern, die Äußerung des Verdachts auf geistige Nähe beispielsweise zum Rechtspopulismus oder eben die Verschiebung der Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema.

Alles dies war in den Reaktionen auf die Thesen zum Russlanddeutsche Diskurs zu beobachten.

Besonders auffällig war die Fokussierung auf den von mir verwendeten Begriff der Hexenjagd. An dieser stelle mache ich den Kritikern folgenden Vorschlag: Wie würden Sie denn den Sachverhalt beschreiben? Vielleicht gibt es tatsächlich eine treffendere Formulierung. Also wie würden Sie die nächsten zwei Absätze akkurat, kurz und prägnant beschreiben?

Eine Bevölkerungsgruppe wird in den Medien über einen längeren Zeitraum wiederholt pauschalisierenden Gleichsetzungen mit zweifelhaften Phänomenen wie etwa dem Rechtsextremismus, doch mindesten mit dem Rechtspopulismus, ausgesetzt. Eine, wie sonst üblich, kritische Reflexion der Vorwürfe blieb damals (und bleibt bis heute) fast vollständig aus.

Hinzukommt, dass selbst als diese faktische Externalisierung des Rechtspopulismus in der bundesdeutschen Gesellschaft auf die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler wissenschaftlich widerlegt wurde, gab es jenseits kleinerer Erwähnungen der Migratenwahlstudie, keine Richtigstellung. Immerhin es wurde wieder still um diese Russlanddeutschen.

Ferner hatte ich dieses Phänomen in verschiedenen Diskussionen mit dem in der Politikwissenschaft verwendeten Begriff des Gruppendenken (Groupthink) beschrieben. Wikipedia umschreibt den Begriff so:

Gruppendenken ist ein Prozess, bei dem eine Gruppe von an sich kompetenten Personen schlechtere oder realitätsfernere Entscheidungen als möglich trifft, weil jede beteiligte Person ihre eigene Meinung an die erwartete Gruppenmeinung anpasst. Daraus können Situationen entstehen, bei denen die Gruppe Handlungen oder Kompromissen zustimmt, die jedes einzelne Gruppenmitglied unter anderen Umständen ablehnen würde.

So oder so: es wird Zeit, dass sich die Verantwortlichen einer Reflexion annehmen. In einer Zeit von FakeNews dürfen komplexe Zusammenhänge nicht mit Pauschalisierungen beantwortet werden. Schließlich ergibt sich sogleich die Folgefrage, die ich mir stelle: Wie genau soll die russische Vereinnahmung eigentlich bei der Zielgruppe der Russlanddeutschen vermittelt werden, wenn wir es nicht schaffen über diese Russlanddeutschen akkurat zu informieren?

Ich jedenfalls behalte mir die Hoffnung, dass diese leichte Disruption der bis heute überwiegend unreflektierten Wahrnehmung in Bezug auf die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler zum Nachdenken anregt. Und vielleicht schaffen wir es sogar noch vor der nächsten Krise etwas Aufklärung und Vertrauensarbeit zu leisten.

Russlanddeutsche Diskurs

Thesen gegen Panik und Pauschalisierung. Für Vertrauensarbeit und Aufklärung.

Felix Riefer hält einen Vortrag auf der kulturhistorischen Tagung des Internationalen Verbandes der Deutschen Kultur (IVDK) zu „Russlanddeutsche als Teil der Bundesdeutschen Gesellschaft“, Detmold Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte am 12.10.2019.

Mit der sogenannten Ukraine-Krise 2014 und der Migrationskrise 2015 rückten die Russlanddeutschen in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Seit den pauschalisierenden Delinquenz- und Kriminalitätsberichten der 1990er und frühen Nullerjahren war es bis dato ruhig geworden. Während diesem kurzweiligen Intermezzo galten die Russlanddeutschen als „auffällig unauffällig“.

So beschrieb der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen noch 2013 die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler, wie die Deutschen aus Russland und ihre Familienangehörigen im Behördendeutsch heißen, ein „geräuschloses Einleben“. Christoph Bergner konstatierte das in dem Vorwort für den Forschungsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Auf „gute Integrationswerte“ entgegen der öffentlichen Wahrnehmung verwies auch die Studie „Ungenutzte Potenziale“ vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Doch eine Aufarbeitung und Aufklärung der Berichterstattung und der Berichterstatter blieb aus. Die vermeidliche Kritik, die eine tatsächliche Pauschalisierung war, blieb unverarbeitet zurück.

Folglich behielten die Mehrheitsbevölkerung sowie die Redaktionen zahlreicher Medien ihr auf Vorurteilen und Klischees basierendes Bild der Russlanddeutschen; ohne tatsächlich über die reale historische und rechtliche Situation der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler, ihrer Migration und Integration, aufgeklärt worden zu sein.

Vereinfacht betrachtet betonten die konservativen politischen Kräfte den ethnisch-nationalen Charakter dieser Volksgruppe und übersahen (oder überhöhten) nicht selten das vom Sowjetstaat systematisch unterdrückte sprachlich-kulturelle Erbe der Russlanddeutschen. Die spätere sowjetische Vereinnahmung der Deutschen über das was noch vom sprachlich-kulturellen Erbe übrig blieb als auch die schrittweise einsetzende ethnische Vermischung der Deutschen im sowjetisch-russischen Vielvölkerimperium und die daraus resultierenden Auswirkungen für die Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft wurden nicht selten außen vor gelassen.

Die linken Kräfte hingegen, wollten das Deutschsein der Volksgruppe, als auch die in der Ethnie begründeten Repressionen und Deportationen – Kriegsfolgenschicksal – sowie die staatlich-systematischen und alltags kulturellen Benachteiligungen der Deutschen im Sowjetsystem nicht wahrhaben. Zum Teil hadern bis heute viele Linke mit der ethnischen Komponente beim Zerfall des sozialistischen Vielvölkerimperiums, aber auch mit der Bewertung des sozialistischen Unrechtsstaates und der ökonomischen sowie ökologischen Ineffizienz des Systems in ihrer Betrachtung des postsowjetischen Raums. Sowie die Projektion dieser Vorstellungen auf die Russlanddeutschen.

Gleichzeitig bleibt auch wahr, dass viele russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler selbst nicht ihrer eigenen Geschichte als Volksgruppe aber auch der undogmatischen Geschichte der Sowjetunion vollständig bewußt sind. Nicht zuletzt eben aufgrund der sowjetischen Politik der massiven (nicht nur) kulturellen Enteignung und späteren Vereinnahmungsversuchen durch das sowjetische Regime bis hin zur punktuell ermöglichten Integration in dieses.

Diese drei vereinfachten Narrative sollen einen vereinfachten Überblick der problematischen Perspektiven geben und nicht die Personen aus dem entsprechenden politischen Spektrum, die sich der differenzierten Auseinandersetzung bemühen bzw. die Russlanddeutschen, die ihr kulturelles Erbe bewahren konnten, übersehen. Der überwiegende Großteil der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler hätte sich nicht ohne Rückhalt aus der Politik und Gesellschaft geräuschlos einleben können oder Vereine zur Pflege ihrer Geschichte organisieren können.

Logo des Museums für Russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold.

Schließlich trat für Migrationsfragen nicht unbedeutend im Jahr 2000 das neue Staatsangehörigkeitsrecht in Kraft. Neben dem Abstammungsprinzip (ius sanguinis) wurde das Geburtsortprinzip (ius soli) eingeführt. Ab 2005 sind die Einbürgerungsvorschriften nicht mehr im Ausländergesetzt sondern im Staatsangehörigkeitsgesetz zusammengefasst.

Diese Änderungen symbolisieren durch konkretes Recht eine neue wohltuend offene Mentalität des deutschen Staates in Migrationsfragen. Gleichzeitig wurde jedoch das Recht der (Spät-)Aussiedler auf Anspruchseinbürgerung, die letztlich nicht durch die Abstammung sondern durch das Kriegsfolgenschlicksal begründet wurde, mitabgeschafft. Für viele Russlanddeutsche eine herbe Kränkung.

Hinzukommt, dass die Russland- und Osteuropakompetenz in Deutschland nach dem Zusammenbruch des Ostblocks insgesamt stark abgebaut wurde. Lehrstühle wurden nicht mehr besetzt, Institutionen geschlossen, führende Medien machten ihre Büros in Moskau dicht. Dass das eine Fahrlässigkeit war wurde spätesten mit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland und dem vom Kreml geschürten Krieg in der Ostukraine offensichtlich.

Dieser Cocktail an parallel verlaufenden und in vielen Teilen nicht verarbeiteten Entwicklungen kumulierte in den Jahren 2014 und 2015 dann schließlich in eine beispiellose mediale Hexenjagd auf die Gesamtheit der Russlanddeutschen.

Die Instrumentalisierungsversuche des Kremls sowie der Rechtspopulisten bis hin zu Rechtsextremisten wurden nicht selten nahezu vollständig unreflektiert von Seiten der Medien übernommen und skandalisiert. Dadurch verhalfen die Medien selbst den sehr zweifelhaften Interessen aus dem Aus- und Inland zur größerer Verbreitung. Und trugen somit selbst zur stärkeren Irritationen in der bundesdeutschen Gesellschaft während der beiden Krisen 2014/2015 und eben nicht primär zu dessen Aufklärung bei.

Erst nach der Bundestagswahl 2017 und der Veröffentlichung der ersten Migrantenwahlstudie der Universität Duisburg-Essen und der Universität zu Köln kam es zu einer allmählich einsetzenden Ernüchterung in Bezug auf die Russlanddeutschen; ohne sich jedoch einer Sichtbaren Reflexion oder Aufarbeitung der medial inzwischen festgesetzten Frames, des Stigmata eines „Putin-gesteuerten Nazi-Migranten“, welcher der Prototyp eines Russlanddeutschen sein solle. Eine dringende Richtigstellung bleibt bis heute aus.

Die Migrantenwahlstudie widerlegt zwar das gängige AfD-Narrativ, denn Russlanddeutsche wählen demnach diese Partei nur geringfügig häufiger als der Bundesdurchschnitt, gleichzeitig legte sich aber auch Defizite in der politischen Bildung offen. Schließlich lag beispielsweise die Wahlbeteiligung der Russlanddeutschen mit 15 bis 20 Prozent unter dem Bundesdeutschendurchschnitt ohne Migrationshintergrund. Insgesamt sind noch viele Bürgerschafskompetenzen innerhalb der Gesamtheit der Gruppe der Russlanddeutschen ausbaufähig.

Gleichzeitig ist durch die in der Vergangenheit starken Verfehlungen in Bezug auf diesen Teil der bundesdeutschen Gesellschaft, auch wenn diese nicht mit denen in der sozialistischen Diktatur vergleichbar sind, noch viel Vertrauensarbeit zu leisten. Somit muss die Aufklärungsarbeit in alle Richtungen der Gesellschaft gehen; damit sie auch gelingen kann und sich in einer positiven und Gemeinwohl-orientierten Weise fortsetzen kann.

Nicht zuletzt kommt dabei erschwerend für die bundesdeutsche Demokratie hinzu, dass dies alles unter den Bedingungen der parallel weiterhin praktizierten Vereinnahmungsversuchen von Seiten des Kremls, der Rechtspopulisten und Rechtsextremisten sowie einer nicht seltenen Ignoranz den Russlanddeutschen gegenüber in politisch linksorientierten Kreisen geschehen muss.

Die Bildrechte in diesem Beitrag liegen bei © Felix Riefer samisdatblog.org

Eindrücke aus Moskau/Russland

Der Park Sarjadje befindet sich gleich neben dem Kreml, dem Roten Platz und der Basilius-Kathedrale. Der etwa 13 Hektar große Landschaftspark wurde von einem US-Amerikanischen Architektenböre entworfen und an die Stelle des ehemals größten Hotels Europas "Rossija" erst Ende 2017 eröffnet.

Moskau hat sich tatsächlich beeindruckend verändert. Sogleich auffallend ist der neue Park „Sarjadje“ (oben auf dem Titelbild). Noch vor kurzem verunstaltete das graue, ehemals größte Hotel Europas „Rossija“ die Moskwa-Promenade neben dem Kreml, dem Roten Platz und der Basilius-Kathedrale.

Jetzt befindet sich hier auf etwa 13 Hektar ein moderner Landschaftspark, der von einem US-amerikanischen Architektenbüro entworfen wurde. Erst im September 2017 wurde „Sarjadje“ von Wladimir Putin und Sergej Sobjanin eröffnet. Selbstverständlich war die Entscheidung für die Grünanlage mitten in der Hauptstadt auf dem wohl teuersten Baugrund Moskaus keineswegs. Erste Pläne sahen eine Renovierung von „Rossija“ oder ein neues gigantisches Parlamentsgebäude vor.  

Der nicht mehr so geheime Geheimtipp: 
Wer gut und günstig direkt im sonst sehr teueren

Kaufhaus GUM am Roten Platz
gleich neben dem Kreml essen möchte, sollte bei der

"Stalowaja 57"
im dritten Stock vorbeischauen.

Diesen ersten positiven Eindruck werden viele haben. Besonders die, die noch nie oder in den vergangenen fünf Jahren nicht mehr in der russischen Hauptstadt gewesen sind. Mehr noch. Dieser Eindruck wird sich sogar verfestigen und betrifft bei weitem nicht nur „Sarjadje“. Die Straßen wurden gepflastert, Bäume angepflanzt und auch der von den Scorpions besungene Gorki-Park wurde beachtlich modernisiert. Es gibt Radwege und Radverleihstationen. Insgesamt wurde die Infrastruktur samt Fahrzeugen erneuert. 

Die berühmte Moskauer Metro ist ebenfalls auffallend ausgebaut worden. Innerhalb des Radius des Metrorings (braune Linie, Nummer 5) wurde die Stadt besonders herausgeputzt. Entsprechend wirkt Moskau vor allem innerhalb dieses Kerns sehr aufgeräumt. Vielleicht sogar zu aufgeräumt. 

Eine nicht mehr ganz neue Wandverzierung an der Metro WDNCh (orange Linie Nummer 6).

Man könnte behaupten Moskau sei optisch europäischer geworden. So kann der (westeuropäische) Tourist sich ab jetzt nicht nur in Sankt Petersburg, sondern auch in Moskau seine „Osteuropa light experience“ abholen. Innerhalb des Metrorings sind die Metrostationen inzwischen sogar mit lateinischen Buchstaben auf Englisch transliteriert und es gibt Durchsagen in englischer Sprache in den Metrozügen. Allerdings nur solange man sich nicht zu weit außerhalb des Radius des neueröffneten Eisenbahnrings (MCK) bewegt. Schließlich entwickelt sich Moskau scheinbar konzentrisch. Ring für Ring. Ausgehend von der Kremlmauer, über den Metroring bis zum Eisenbahnring. Diese drei werden dann vom Moskauer Autobahnring umarmt.

Investitionen wie das beschriebene optische Aufpolieren des erweiterten Stadtkerns verlassen Moskau kaum. Und wenn dann nicht selten als Schwarzgeld vorzugsweise ins westliche Ausland.

Blick auf Moskau-City vom Ausgang der Metrostation "Fili"der hellblauen Linie Nummer 4.
"Fili" liegt nur eine Haltestelle hinter dem Moskauer zentralen Eisenbahnring (MCK) und drei Haltestellen hinter dem Metroring (braune Linie Nummer 5).

Während beispielsweise in der ältesten Universitätsstadt Sibiriens Tomsk eine Wasserpumpe feierlich eröffnet wird (darüber wurde sogar in der Nachrichtensendung „Westi“ berichtet) oder selbst vor den Toren Moskaus in der Oblast Twer die Bereitstellung von Mülltonnen ebenso einer kleinen „Eröffnungszeremonie“ bedurfte, konzentriert sich der Reichtum des riesigen Landes immer weiter in den Händen von sehr Wenigen.

Dieser Trend wird von verschiedenen Organisationen weltweit beobachtet, doch in Russland sind die Werte besonders dramatisch. So bescheinigen der Verbund von Hilfsorganisationen Oxfam oder Finanzanalysten wie Credit Suisse Russland am wenigsten gegen Ungleichheit zu unternehmen, während die reichsten 10% der Russen fast 90% des gesamten Vermögens des Landes besitzen.

Bei allen positiven optischen Veränderungen in Moskau sind die politischen Verhältnisse in Russland eher von einem umgekehrten „Wind of Change“ geprägt. In der Politikwissenschaft spricht man von „Shrinking Spaces“. Von zunehmend schwindender Freiheit der Zivilgesellschaft und der Medien.

Der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag zwischen der Wlast (Staatsmacht & Obrigkeit) und dem Narod (Volk), letztlich zwischen dem Kreml und dem Rest: „Ihr mischt euch nicht in Politik ein und dürft mehr oder weniger die positiven Seiten der Markwirtschaft genießen“ löst sich entsprechend zunehmend auf. 

Boris-Nemzow-Brücke in Moskau.
Am 27. Februar 2015 wurde der ehemalige russische Vizeregierungschef und spätere Oppositionelle Boris Nemzow an dieser Stelle ermordet.

Die ohnehin kleine Mittelschicht in Moskau, Sankt Petersburg und weiteren Großstädten hatte die skrupel- und maßlose Korruption satt und formierte Protest. Dieser wurde brutal niedergeschlagen und mündete in den „Bolotnaja-Prozessen“, benannt nach dem Bolotnaja-Platz, wo die Hauptproteste gegen Wahlfälschung und Korruption 2011/12 stattgefunden haben.

„Nach den Protesten im Winter 2011/12 sollte sich der Hipster in Moskau wieder wohlfühlen“, kommentierte ein Moskauer Freund die optischen Veränderungen heute. Frei nach dem Motto „Wenn man schon nicht mitbestimmen darf wie im Westen, sollte es doch wenigstens so aussehen wie im Westen“. Und er fügte hinzu:

„Dieser Effekt wird nicht langfristig sein“

Eine russische Kollegin von einer renommierten Moskauer Universität äußerte starke Bedenken im Zusammenhang mit der Entwicklung Russlands, aber auch Moskaus. Sie sei eine „echte Moskauerin“ (dazu wird man, wenn man mindestens in der dritten Generation in Moskau lebt, wie sie mir auf Nachfrage erklärte) und habe Angst wie ultra schnell die Stadt wächst und wie viele aus Russland und dem gesamten postsowjetischen Raum in diese Stadt strömten. Während Moskau aus allen Nähten platzt, verlieren andere Städte und Regionen ihre hellsten und fähigsten Köpfe. Die zunehmend autoritäre Politik des Kremls und die „Shrinking Spaces“ beschreibt sie nur halb im Scherz mit folgendem in Russland nicht seltenen Vergleich:

„Wir sind schon fast nördlicher als Korea“

Optische Veränderungen sowie die lange verschleppten und durch die grassierende Korruption viel zu kostspieligen Investitionen in Moskau, punktuell auch in weitere Großstädte und situative Großprojekte, bleiben folglich nur Kosmetik. Denn diejenigen, die in Moskau keine Perspektive haben oder der politischen Enge des Regimes entfliehen möchten, verlassen Russland. Richtung politischer und wirtschaftlicher Stabilität. Beides ist nach wie vor im Westen am ehesten realisiert.

Der Braindrain, die Talentabwanderung aus Russland, wird auch nicht aufhören. Und zwar solange bis sich die Kremlstrategen von ihren Kriegsabenteuern verabschieden und in das Wohlergehen der eigenen Bevölkerung zu investieren beginnen.

Der geplante Bau eines gigantischen neuen Parlamentsgebäudes wird erst dann mehr als eine weitere Dekoration im Stadtbild sein, wenn die Duma zu einem echten Parlament umfunktioniert wird, in dem tatsächlich diskutiert wird und politische Kämpfe real ausgetragen werden. In diesem Sinne bleibt die Diskussion über die Renovierung von „Rossija“ noch lange ganz schön aktuell.

Kli­schee und nicht ganz so geheimer Geheimtipp:
Meerrettich Wodka mit frischen Gurken als Sakuska

Die Bildrechte in diesem Beitrag liegen bei © Felix Riefer samisdatblog.org

Eindrücke aus Kasachstan/Almaty

Umgeben vom Tienschan liegt die ehemalige Hauptstadt der einstigen Sowjetrepublik Kasachstan. Seit 1993 heißt die Stadt Almaty, zuvor hieß sie Alma-Ata, was zu Deutsch etwa „Vater des Apfels“ bedeutet. Hier wurden einst die berühmten Aport-Äpfel angebaut und noch heute ist der Apfel als Symbol der Stadt allgegenwärtig. Dass in dieser ehemaligen zaristischen Garnisonstadt am 21. Dezember 1991 die sogenannte Alma-Ata-Erklärung – das endgültige Aus des sozialistischen Imperiums – unterzeichnet wurde, hätte zuvor wohl kaum jemand vermutet. Heute wurde diese Tatsache fast gänzlich vergessen sowie das Land selbst auch kaum Beachtung erfährt. Mehr als die Assoziation mit der Komödie Borat (Sacha Baron Cohen), die letztlich eine Parodie auf die US-amerikanische Gesellschaft ist, ist häufig nicht drin. Zwar ist Kasachstan in der deutschen Öffentlichkeit kaum ein Begriff oder Thema, doch wird das zentralasiatische Land von Beobachtern als der Tigerstaat der Region beschrieben. Die reichhaltigen Rohstoffvorkommen erlauben eine relative wirtschaftliche Stabilität und regionalen Handlungsspielraum.

Der Apfel als Symbol der Stadt.
Der Apfel als Symbol der Stadt ist allgegenwärtig.

Als ein Nachfolgestaat der Sowjetunion ist Kasachstan heute noch stark durch die sieben Jahrzehnte Sowjetdiktatur geprägt. Dies zeigt sich nicht zuletzt durch den Präsidenten Nursultan Nasarbajew selbst. Nasarbajew ist noch in der UdSSR unter Michail Gorbatschow eingesetzt worden und regiert seitdem ununterbrochen das Land. Kasachstan war die letzte der 15 Sowjetrepubliken, die sich am 16. Dezember 1991 für unabhängig erklärt hatte. Insgesamt verläuft die Loslösung vom russischen Einfluß durchaus bedacht und nur schrittweise. Kooperation, wo es als nötig befunden wird, bei sonstiger Betonung der Souveränität. Man versucht die verschiedenen Interessen der Großmächte wie China, Russland, USA, aber auch der Türkei oder der EU geschickt für sein eigenes Wohl auszuspielen. Nicht zuletzt lebt im Norden des Landes sowie in den Großstädten eine beachtliche russische Minderheit. Russisch ist nach wie vor Lingua franca, auch wenn der kasachische Staat verstärkt auf Kasachisch als Verwaltungs- und Mediensprache setzt. Auch soll das kyrillische Alphabet bis 2025 auf das lateinische umgestellt werden. Historisch spielt das Land aus bundesdeutscher Perspektive vor allem auch als Verbannungsort hunderttausender sogenannter Russlanddeutscher eine wichtige Rolle. Entsprechend entstamm ein Großteil der russlanddeutschen (Spät-) Aussiedler aus den Regionen in der heutigen Republik Kasachstan.

Eislaufbahn Medeo
Eislaufbahn Medeo 

1997 wurde die Hauptstadt in den Norden des Landes verlegt. Der ehemalige kleine Umschlagbahnhof Zelinograd wurde zur modernen Metropole Astana. Dennoch ist Almaty weiterhin das kulturelle Zentrum des Landes. Nicht zuletzt auch daran zu erkennen, dass viele der neuen Hauptstädter ihre Wochenenden lieber in Almaty verbringen. Und wer könnte es ihnen verübeln: Trotz der recht starken Luftverschmutzung durch die Autoabgase, steht Almaty in Lebensqualität europäischen Städten in Nichts nach. Zahlreiche Cafés und Bars, die vielen Museen und kulturellen Einrichtungen bieten reichlich Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Die Umgebung der Stadt bietet weitere phantastische Möglichkeiten, darunter Skifahren auf dem Schymbulak, Eislaufen auf der olympischen Eislaufbahn Medeo (190 Weltrekorde wurden hier aufgestellt), der Scharyn Canyon sowie die Kolsay-Seen im Grenzgebiet zu China und Kirgistan, oder Höhlenmalereien von Tamgaly (Weltkulturerbe-Stätten der UNESCO).

Scharyn Canyon
© Felix Riefer samisdatblog.org

Doch darf das alles, sowie die schicken Neubauten und die schmale Mittelschicht in den Metropolzentren, nicht den Blick auf die Menschenrechtslage, die Korruption (Platz 131, Korruptionsindex 2016) und die Realitäten eines postsowjetischen-autoritären Systems insgesamt, trüben.

Mehr in meinem Interview mit der Deutschen Allgemeinen Zeitung (DAZ), der Zeitung der deutschen Minderheit Kasachstans, die in Almaty herausgegeben wird.

DAZ Russlanddeutsche

Ebenfalls ist in der DAZ meine Analyse des Wahlverhaltens der „Russlanddeutschen“ zu finden. 

Die Bildrechte in diesem Beitrag liegen bei © Felix Riefer samisdatblog.org

Wahlverhalten Russlanddeutsche BTW2017 Studie der Uni Duisburg-Essen

CDU 27%
Linke 21%
AfD 15%
SPD 12%
FDP 12%
Grüne 8% 

Ich habe diesen ausschließlichen AfD-Fokus in Bezug auf russlanddeutsche (Spät-) Aussiedler von Anbeginn als unsachlich und unpräzise kritisiert. Die Präferenz für die Linke ist teils durch sozioökonomische Faktoren, teils durch die Sozialisierung in der SU erklärbar. Ähnliches gilt auch für die AfD, nur mit etwas anderer ebenfalls gruppenspezifischer Ausprägung. Dass Journalisten und Wissenschaftler sich überwiegend nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben, aber sich dennoch trauten starke Diffamierung zu betreiben, schadet letztlich nur unserer Gesellschaft insgesamt. Die wiederholte begriffliche Unschärfe („Deutschrussen“, anstelle von „Russlanddeutsche“, „Deutsche aus Russland“) und falsch verwendete Zahlen sind nur zwei Beispiele der fehlenden Beschäftigung mit dem Thema. Dabei recherchierte der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags bereits 2016: „Von 1950 bis 2014 wurden insgesamt 4.517.052 (Spät-) Aussiedler und deren Angehörige in der Bundesrepublik aufgenommen. 2.369.506 Personen kamen dabei aus der ehemaligen UdSSR.“ Wir sollten reflektierter mit Menschen und Problemen umgehen. Insgesamt findet jedoch eine allmähliche Normalisierung der Berichterstattung in Bezug auf die sogenannten Russlanddeutschen statt.

WahlverhaltenRusslanddeutscheRieferDie „erste deutsche Wahlstudie unter deutschen Staatsbürger/innen mit Migrationshintergrund“ wurde von Prof. Dr. Achim Goerres (Universität Duisburg-Essen) und PD. Dr. Dennis Spies (Universität zu Köln) sowie Dr. Sabrina J. Mayer (Universität Duisburg-Essen) durchgeführt.