„Ich bin mir sicher, dass ein solcher Umgang mit Minderheiten in anderen Fällen – völlig zu Recht – ebenfalls nicht akzeptiert wird.“

In der aktuellen Folge von Zeitgeschehen beschäftigen wir uns mit der Frage, wie wir das Problem der medialen Darstellung von „Russlanddeutschen“ lösen können, ohne ins Medienbashing zu verfallen. Die Fragen im nachstehenden Interview mit dem Politikwissenschaftler Felix Riefer stellte VadW-Redakteurin Katharina Martin-Virolainen.

Wie empfinden Sie im Allgemeinen die Medienlandschaft in Deutschland?

FR: In Deutschland haben wir das Glück eine freie und plurale Medienlandschaft genießen zu dürfen. Diese ist sowohl auf der lokalen Ebene als auch überregional sowie im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt.

Und trotz der guten Grundlage gibt es Lücken. Zum Beispiel, was die Darstellung der Deutschen aus Russland betrifft …

FR: Man kann sich hier leider nur wiederholen: das Wissen über die Deutschen aus Russland ist in der Gesamtgesellschaft sehr gering bis gar nicht vorhanden, oder es handelt sich um ein gefährliches Halbwissen. Dies spiegelt sich auch in den verschiedenen Redaktionen wider.

Erst kürzlich lieferte der deutsche Journalist Hasnain Kazim ein weiteres Beispiel in seinen Social-Media-Posts. Wörtlich war da zu lesen: „Interessant ist übrigens auch, wen deutsche Medien jetzt alles als ‚USA-Experten‘ bringen. Das ist wie mit der Helmut-Kohl-Regierung, wen sie alles als ‚Russlanddeutschen‘ sah – da reichte auch der Besitz eines deutschen Schäferhundes vor 200 Jahren.“

Wie waren die Reaktionen darauf?

FR: Unter den Deutschen aus Russland gab es in den sozialen Netzwerken eine Welle der Empörung. Viele Menschen haben unter seinem Post Kommentare geschrieben und versucht zu erklären, warum diese Aussage mit dem Schäferhund so verletzend ist. Doch ein Entsetzen aus der Gesellschaft oder den Medien, wie man es aus anderen Fällen kennt, wo andere Minderheiten betroffen sind – ist (fast) komplett ausgeblieben. Es waren einzelne Personen, die sich in den Kommentaren und Posts dafür eingesetzt haben, dass dieser Beitrag gelöscht oder richtiggestellt wird.

Ein paar Tage später folgte eine Entschuldigung von Seiten Herrn Kazims. Doch leider steckt da noch immer eine ganze Menge Unwissen in Bezug auf die Aussiedlermigration drin; beispielsweise wird das Kriegsfolgenschicksal (Verfolgung aufgrund der Ethnie in den kommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas sowie Südosteuropas), die eigentliche Begründung für die Ko-ethnische Migration Deutschlands, schlicht und letztlich fälschlicherweise auf „deutsches Blut“ reduziert. Doch es ist nicht unsere Absicht uns auf einzelne Personen zu stürzen oder Sündenböcke zu suchen. Gleichwohl: sind die Kommentare unter seinen Posts beispielhaft für das vorherrschende Bild von „den Russlanddeutschen“ in der Gesamtgesellschaft: es werden immer wieder überkommen geglaubte Klischees und falsche Vorstellungen verbreitet oder unserer Gruppe von drei Millionen unterschiedlichster Menschen hanebüchene Dinge unterstellt.

Worin sehen Sie die Ursache für diesen Missstand?

FR: Ein Kernproblem ist das Versäumnis die russlanddeutsche Aussiedlermigration rechtzeitig und breitenwirksam aufgearbeitet zu haben. Wann und in welchem Kontext wurden die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler erwähnt? In den 1990er Jahren war der Begriff eher kriminell besetzt. Anfang der 2000er dann plötzlich „auffällig unauffällig“. Mit dem Ukraine-Konflikt und dem Fall „Lisa“ bis zur Bundestagswahl 2017 gab es eine unreflektierte Aufmerksamkeit aus der sicherheitspolitischen Perspektive und eine Einbettung des Begriffs „Russlanddeutsche“ in Deutungsraster mit Bezug zum Rechtspopulismus. Das alles wurde begleitet von einer Reihe von Berichten, die unsauber recherchiert waren und die Deutschen aus Russland sowie alle anderen Migranten aus dem postsowjetischen Raum in ein falsches Licht gerückt haben. Dabei haben die wenigen sachlichen Beiträge, die es auch gab, kaum einen Einfluss auf das medial hergestellte Gesamtbild. Folglich werden sich die Menschen noch in zehn Jahren überwiegend an die verzerrten Bilder erinnern, eben weil diese negative Präsenz in den Medien so dominant war. Von daher sind es die Medien, die in der Pflicht stehen, das Thema akkurat und wahrheitsgetreu aufzuarbeiten. Am besten genauso intensiv, wie man es zuvor hergestellt hat. Ich bin mir sicher, dass ein solcher Umgang mit Minderheiten in anderen Fällen – völlig zu Recht – ebenfalls nicht akzeptiert wird. Aber auch wir selbst müssen etwas dazu beitragen, dass sich das ändert.

Und konkreter? Was müssen wir tun?

FR: Uns gegen falsche Behauptungen wehren. Jedes Mal darauf reagieren, wenn eine Fehlinformation irgendwo auftaucht. Das mag trivial und langwierig klingen, doch das ist die Herangehensweise, die auf Dauer Erfolg verspricht. Ich verstehe, dass solche Kleinkämpfe ermüdend sein können. Aber das ist doch in unser aller Interesse. Auch im Interesse der Medien übrigens, die sich eigentlich hier an ihren eigenen Ansprüchen messen lassen sollten.

Was die sachliche Argumentation betrifft: Das ist ja meistens das Problem, dass man nicht weiß, wie handfest die eigenen Argumente sind.

FR: Was das Wissen über Deutsche aus Russland angeht, da empfehle ich das Dossier Russlanddeutsche der Bundeszentrale für politische Bildung. Des Weiteren würde es einen enormen Fortschritt bringen, wenn man über die Deutschen aus Russland endlich in der Schule sprechen würde, wenn das Thema ein fester Bestandteil des Geschichtsunterrichts und der Gesellschaftskunde wäre. Weitere Instrumente sind zum Beispiel Wanderausstellungen oder persönliche Begegnungen wie Zeitzeugengespräche, die sich sowohl mit den Verbrechen der Stalinzeit aber auch mit der Übersiedlung in das Migrationsland im Werden, die Bundesrepublik der 1980er/90er, beschäftigen.

Herr Riefer, vielen Dank für das spannende und informative Interview!

Dossier Russlanddeutsche: www.bpb.de/russlanddeutsche  

Weitere Informationen über Felix Riefer finden Sie hier. 

In der nächsten Folge von Zeitgeschehen geht es um das Thema: „Russlanddeutsche fünf Jahre nach ‚Lisa‘“. Dieses Gespräch ist für die Zeitschrift VOLK AUF DEM WEG Nr. 12/2020 geführt worden. Mehr über die VadW finden Sie hier.

PS. Check-out: das dekoder.org Dossier zu Russlanddeutschen, das zum Tag der Deutschen Einheit online ging und noch weiter wächst: https://nemcy.dekoder.org/de


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